Bild von Richard Oliver Schulz: Asteroideneinschlag

Zu Sinn und Bedeutsamkeit des Menschen

Hinter der Suche nach Lebenssinn verbirgt sich das dem Menschen tief eingewurzelte Streben nach individueller Bedeutsamkeit für das Weltganze.

Die Sinngebung des Daseins ist ein existenzielles Bedürfnis des Menschen. Mehr noch ist es das individuelle Streben nach Bedeutsamkeit des eigenen Daseins für das Weltganze.

Ohne die Erfüllung dieses Strebens wäre auch die freie Wahl eines Lebenssinnes vergeblich, läge dieser Lebenssinn als ein privater doch außerhalb des Weltganzen. Diese Bedeutsamkeit für das Weltganze ist überhaupt erst die Essenz des Strebens nach einem Lebenssinn und nur unter der Vorgabe dieser kann der individuelle Lebenssinn gestaltet werden. Das grundsätzliche Problem dabei ist, dass unter dem vorausgesetzten Gedanken, die Existenz sei mit dem Tod zu Ende, jede individuelle Bedeutsamkeit auf Dauer entfällt. Spätestens mit dem Ende dieser zeitlichen Welt als Ganzer, die nicht anders als vergänglich betrachtet werden kann, würde diese Bedeutsamkeit vollends vernichtet wird. Das Streben nach Bedeutsamkeit kann also unter diesen Umständen nur als ein Verzweiflungsakt angesehen werden. Scheinbar sinnlose Amokläufe – meist ausgeführt von Menschen dieser Geisteshaltung – sind derartige auf die Spitze getriebene Verzweiflungsakte. Weder für die Tat noch für die zugrundeliegende Ideologie gibt es irgendeine Entschuldigung. Doch müssen wir solche Taten immer durch die Ideologie erklären. Für Menschen, deren Selbstwertgefühl in einem starken Maße vom Konsum materieller Güter zur Befriedigung ihrer überzüchteten und verfeinerten Leibesbedürfnisse abhängig ist, bricht eine Welt zusammen, sobald der persönliche Kitzel durch den Konsum solcher Güter auf Dauer nicht mehr gegeben ist, und die Beachtung durch eine soziale Gruppe wegen dieser konsumierten Güter wegbricht. Aus dem unfreiwilligen Verzicht von beidem folgt ein vermindertes Selbstwertgefühl, welches verheerende Folgen haben kann. Menschen mit dieser Geisteshaltung können in einem Amoklauf wahllos Menschen ermorden. In ihrer Tat drückt sich die äußerste Verzweiflung an zerronnenem Lebenssinn und verlorener individueller Bedeutsamkeit aus, nämlich unter der Voraussetzung völliger Glaubens- und Vertrauenslosigkeit in eine übergeordnete, göttliche Instanz. Für einen solchen Menschen wird die ganze Welt zum Feind, weil sie ihm allein durch ihre Existenz die individuelle Bedeutsamkeit abzusprechen scheint. Indem er möglichst viele Glieder der Welt zu vernichten wünscht, verweigert er anderen Angehörigen des Weltganzen dieselbe Bedeutsamkeit, die er in Bezug auf das Weltganze zu vermissen glaubt.
Abgesehen von solchen Extremen ist das Gefühl der Bedeutungslosigkeit angesichts des Weltganzen jedoch das existenzielle Grundsatzproblem des Menschen und insbesondere unserer westlichen Gesellschaft, die an materiellem Konsum orientiert ist, der geistig einschläfernd wirkt und zum Schein eine Sinngebung des Daseins und die Selbstwertigkeit der Person vorgaukelt. Wir müssen uns eingestehen, dass sich niemand diese individuelle Bedeutsamkeit selbst geben kann.