Arena: Männliche Ermächtigung, 1981, Buntfarbstiftzeichnung 
Arena: Männliche Ermächtigung, 1981, Buntfarbstiftzeichnung 

Über den Wahnsinn des Krieges

Wer glaubt sich selbst ermächtigen zu müssen, lebt in einem Teufelskreis der Angst, des Misstrauens und der Rachsucht – und sein Vater ist der Krieg.

Wer den Krieg verherrlicht, wer sich von ihm auch nur einen einzigen Nutzen verspricht, der lebt abseits von aller Wirklichkeit und ist vor allem eines nicht:

Verbunden mit dem wahren Ursprung und Urgrund in Gott. Er steht auch aufseiten derer, die den Menschen nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck betrachten, und er ist daher in jedem Fall antihuman – und auf eminente Weise gottlos sowieso, gottlos im Sinne von weit entfernt vom wahren Ursprung des Seienden, mental und spirituell.

Man vergegenwärtige sich den Wahnsinn, dass tonangebende Politiker, die (scheinbar) fest im Sattel sitzen, über Menschen verfügen, die in den Krieg ziehen müssen gegen ihnen unbekannte Menschen, die in genau derselben Lage sind wie sie selbst und von ihren Regierungshäupter beauftragt und gezwungen werden, gegen sie in dem Krieg zu ziehen und sich gegenseitig zu töten. Man vergegenwärtige sich den Wahnsinn, dass Menschen auf Befehl für politische Gebietsansprüche und wirtschaftliche Ressourcen geopfert und gemordet werden, dass folglich der Selbstzweck (nämlich der Mensch) gegen die Mittel (wirtschaftliche Macht und Gebietsansprüche) eingetauscht wird. Ein Widersinn, den jeder Autist auch bei fehlendem sozialen Signalverständnis schon intuitiv begreift, aber mentale und spirituelle Autisten wie tonangebende Politiker offenbar nicht erfassen, nicht erfassen wollen. Sollte man nicht meinen, dass zivilisierte Menschen, zumal bei so viel strategischer Intelligenz, vernünftig sind und vernünftige Verhandlungen führen können? Sollte man nicht wissen können, dass der Gegner gute Gründe haben könnte, gewisse Forderungen nicht zu erfüllen? Sollten diese Gründe etwa nicht nachvollziehbar sein, solange sie human bleiben? Aber es stellt sich heraus, dass es nicht das mangelnde Verständnis der Gründe ist, das den anderen nicht nachgeben lässt, sondern die mangelnde Bereitschaft die eigenen Ziele aufzugeben. Frage: Können diese Ziele selbst human sein, wenn sie Menschenopfer fordern? Offenbar nicht. Wo keiner nachgibt, stellt sich die Frage: Wer hat den größeren Nutzen davon, auf Kosten von Menschenleben nicht nachzugeben? Will einer seine imperialistischen Ziele aus Gründen größerer Macht durchsetzen und will der andere aus existenziellen Gründen nicht nachgeben? Oder wollen beide nicht nachgeben, um ihre Schuld am Menschenmord nicht eingestehen zu müssen? Immer aber betreffen die Gründe nur Interessen der Machtpolitik, nie Gründe des Volkes. Es sind die Gründe derer, die sich auf dem Rücken der Völker guttun. Aber sie werden in all ihrer Gier niemals den Frieden in sich selbst finden.

Wer keinen Frieden in sich selbst findet, wird immer Krieg mit und in sich selbst führen, ob innerlich oder äußerlich. Die Kriegstreiber, Kriegshetzer und Kriegsbefürworter sind nicht zufällig gerade diejenigen, die immer sich selbst rechtfertigen müssen und niemals ihre Schuld zugeben würden. Immer sind die anderen schuld. Sie selbst führen immer nur Verteidigungskriege, niemals Angriffskriege. Das gilt für alle. Alle führen immer nur Verteidigungskriege. Ob einer von ihnen die Widersprüchlichkeit dieser Logik je begreift? Offenbar fehlt beiden Seiten das Einfühlungsvermögen. Sonst würden sie begreifen, dass beiden Seiten die Bereitschaft der Einfühlung fehlt. Aber es ist keine Frage des fehlenden Verständnisses, es ist eine Frage der Rücksichtslosigkeit, die sich den Willen zur Macht zu ihrem Handlungsgrundsatz erkoren hat.

Von je her, biblisch gesehen seit dem Brudermord Kains, haben die Menschen ihre Konflikte mit Rachefeldzügen und Menschenmord ausgetragen, statt sich in wechselseitigem Verständnis zu einigen und nach einer für alle vertretbaren Lösung zu suchen. Was hat sie daran gehindert eine solche zu finden? Nicht die Vernunft, sondern der Wille, dem anderen überlegen zu sein und Macht über ihn ausüben zu können. Sicherlich gibt es bei jedem Kriegszenarium immer eine Seite, die damit begonnen hat. Und der erstmalige Angreifer ist in unserer modernen, dem Humanismus verschriebenen Gesellschaft derjenige, den der moralische Tadel vor allem trifft. Nur ist gerade dieser erstmals Beginnende in einer Kultur des gegenseitigen Misstrauens (der andere könnte der Angreifer und mein potenzieller Mörder sein) und des Wettrüstens (um die überlegene Macht zum scheinbaren Zwecke der Selbstverteidigung) eben schwer ausfindig zu machen. In früheren Zeiten galt ideologisch das Recht des Stärkeren, sodass den Angreifer kein Tadel traf. Er nahm sich lediglich das Recht heraus, dessen Anspruch er mit der Macht seiner Götter begründete. In einer modernen Weltgemeinschaft dagegen, die sich vordergründig den Humanismus auf ihre Fahne geschrieben hat, gilt es als unmenschlich, andere Völker zu überfallen, die nichts Böses getan haben, und zigtausende umzubringen. Daher brauchen Politiker, die so etwas tun, immer eine vordergründige Rechtfertigung, und wenn sie keine finden, so schaffen sie sich eine, und sei es durch Lüge und Mord. Das Netz der Lüge in der Politik ist in dieser sich humanistisch nennenden Gesellschaft mittlerweile schon so stark geworden, dass Täter und Opfer, Angreifende und Angegriffene, nicht mehr klar auseinander gehalten werden können, zumindest nicht, sofern es sich um Politiker handelt. Und das ist auch beabsichtigt: Denn jeder Politiker möchte human erscheinen. Für den Klarsichtgen gilt allerdings: Die Kriegstäter sind immer die Politiker und die Kriegsopfer sind immer das Volk. Und daher kommen die Politiker aus dem Zirkel ihrer Scheinrechtfertigungen auch nicht mehr heraus. Denn rechtfertigen vor den Völkern müssen sie sich alle, wenn sie noch für menschlich vor dem Völkern gelten wollen. Das gebietet schon ihr Humanismus, der freilich selbst auf einer Lüge gegründet ist. In früheren Zeiten, als die Menschen noch mit der Macht ihrer Götter prahlen zu können glaubten, wenn sie friedliche Völker angriffen, war man da wenigstens noch etwas ehrlicher und etwas direkter als heute. Allerdings hat jedes Volk auch immer die Politiker, die seinem allgemeinen Geisteszustand entsprechen – und die es daher am besten betrügen können.

Der Grund für Kriege ist freilich immer derselbe: Wer sich fortwährend selbst ermächtigen muss, wer seinen Selbstwert ständig vor anderen Menschen verteidigen muss, hat keinen Frieden mit sich selbst – und mit Gott.