Himmelsbaum (invertiert), Liquid-Gouache, 2022 
Himmelsbaum (invertiert), Liquid-Gouache, 2022 

Über die geistige Wiedergeburt

Zwei Stufen der geistigen Wiedergeburt sind es, die dem Menschen nottun: Demut vor der Liebe Gottes, der allumfassenden, schöpferischen und die Verwandlung in sie.

Jesus lehrte den Pharisäer Nikodemus, dass kein Mensch in das Reich Gottes eingehen könne, der nicht durch Wasser und Geist geistig wiedergeboren sei.

Was ist nun unter der Wiedergeburt durch Wasser und Geist zu verstehen? Manche Christen glauben, bei der Geburt durch das Wasser handle es sich um das Wort Gottes, das durch die biblischen Schriften verbürgt und zugänglich sei, oder sie setzen das Wasser mit der Weisheit gleich, während der Geist dann eben mit dem Heiligen Geist als Eigenpersönlichkeit identifiziert wird, der den Menschen überkomme, wenn er dem Wort gehorcht. Nun fragt sich aber, was den Menschen motivieren soll, dem Wort zu gehorchen, wenn diesem Gehorsam nicht eine lebendige Erfahrung zugrunde liegt, die ihn unverdientermaßen überkommt und eine Wesensverwandlung in Gang zu setzen vermag, die zum Ausgangspunkt eines neuen Lebens wird, so dass tatsächlich von einer geistigen Wiedergeburt gesprochen werden kann. Und ist es tatsächlich einleuchtend, dass das Wort oder die Weisheit durch Wasser versinnbildlicht wird? Wo zeigen sich die Parallelen zwischen den beiden Begriffen, falls man den Spruch „in vino veritas“ nicht durch den Zusatz „in aqua sapientia“ erweitern will, dergestalt nämlich, dass zwar der Wein die Zunge zur Wahrheit löst und darüber hinaus den wahren Charakter des Trinkers, ob lustig, gesellig oder gewalttätig, offenbart, der Genuss von Wasser aber im Gegensatz zu dem von Wein die Weisheit und Besonnenheit des Trinkenden anzeigt. Ich sehe sonst keinen Grund, das Wasser mit Weisheit in Verbindung zu bringen. Aber sehen wir uns die Taufhandlung an. Was symbolisiert sie? Wird der Täufling in das Wasser der Weisheit untergetaucht und mit Weisheit erfüllt? Nur auf einem indirekten Weg. Vielmehr hat das Wasser mit Demut zu tun, da es zwar eine gewaltige Kraft hat, aber sich zugleich der Form seines jeweiligen Gefäßes anzugleichen versteht. Wer durch das Wasser wiedergeboren wird, ist durch die Demut wiedergeboren. Es handelt sich um keine Demut, wie sie der eingeschworene Weltbürger versteht, um keine Demut vor der sogenannten Wissenschaft, vor dem Fachmann, vor Pfaffen, Priestern, Politikern, Parteiprogrammen oder internen Gemeindelehren. Solche Formen der „Demut“ dienen der eigenen Selbsterhöhung. Der Mensch brüllt gerne mit der Menge, um sich stark zu fühlen, er ringt um Anerkennung in der je größten Gemeinschaft. Nein, es ist allein die wahre Demut, die Demut vor Gott gemeint, die Selbstzerknirschung in Anbetracht der Weisheit und Liebe Gottes, die Erkenntnis des bösen Keims in uns selbst, der unser wahres Wesen verschattet und ohne Intervention der Selbsterkenntnis schrittweise verdirbt. Es ist alles andere als eine Demut vor einer vermeintlichen, menschlichen Weisheit, wie Kirchenführer und Sektengründer vermeinen. Verderblich ist auch der Aberglaube, dass der Vollzug einer äußeren Wassertaufe ein gleichsam magischer Akt und heilsstiftend sei. Zur Zeit der christlichen Urgemeinden war die Taufe ein Bekenntnis der eingeschlagenen Umkehr gegenüber der Gemeinschaft derer, die denselben Weg zu gehen bereit waren, und setzte die Wiedergeburt im „Wasser“ der Demut voraus. Die Menschen drängte es damals, ihre Gesinnung in solchen symbolischen Handlungen zum Ausdruck zu bringen. In den heutigen Gemeinden, die durch die „Gemeinde von Sardes“ symbolisiert werden können, ist die Taufe bestenfalls ein Initiationsritus in die Sonderlehren eines spezifischen christlich gefärbten Konzepts, auf das sich Menschen geeinigt haben. Unter solchen Sonderlehren, wie da etwa sind: rettender Akt der Wassertaufe, „Vorentrückung“ der Gemeinde vor der Drangsal, immerwährende Verdammnis Andersgläubiger, Zustimmung zu den Verbrechen des gegenwärtigen Staates Israel, Dispensationalismus, Unverlierbarkeit des Heils unter der Bedingung einer einmal getroffenen Glaubenszustimmung und bei Festhalten an gemeindeinterner Bibelauslegung, wird dann der folgende Schritt, das lebendige Eingehen in die Wiedergeburt durch den Geist so gut wie unmöglich gemacht.

Worin besteht nun also die Wiedergeburt durch den Geist? Sie schließt sich als fortschreitender Prozess an die Wiedergeburt in der Demut, sprich Selbsthingabe und eingeleitete Läuterung, an. Mit der Wiedergeburt in der Demut, beginnend mit der Selbstzerknirschung, wird ein Weg der Läuterung beschritten, der in die Wiedergeburt im göttlichen Geist führt. Daran schließt sich ein Leben und Wachstum an, das erst in der Auferstehung, der Verwandlung und Vergöttlichung des irdischen Leibes, seine Erfüllung findet und danach in der Ewigkeit fortwirkt. Der göttliche Geist aber ist die allumfassende Liebe. In dieser allein ist Gewissheit. Gewissheit nämlich, dass Gott kein Wesen dem Bösen überlässt, noch es für immer im Bösen belässt, noch irgendeinem Wesen Böses zufügt, noch Böses als Mittel zu heiligen Zwecken missbraucht und etwa dadurch schon heiligt, noch beides vermischt, noch in der Ewigkeit irgendein Böses duldet. Die Liebe richtet das Böse, läutert aber das Wesenhafte und bringt es auf einen Weg. Sie scheidet das Gute vom Bösen, rettet den Demütigen und läutert den, der sich das Böse völlig zu eigen gemacht hat, auf einem langen, selbstverschuldeten Weg, der eine Ewigkeit eigener Art umfasst, einem Weg, der geeignet ist, dem Täter vor Augen zu führen, was es für ihn selbst bedeutet, der allumfassenden Liebe zu trotzen und sich im gegnerischen Willen Gott gleichzusetzen. Wenn Gott etwas zu den selbstverschuldeten Höllenqualen der Täter verantwortlich beiträgt, so ist es deren Milderung. Am Ende der Äonenzeiten werden sich die Knie aller vor der Liebe beugen.
Mit unverantwortlicher Allversöhnungslehre oder esoterischen Selbsterlösungslehren, etwa durch Reinkarnation, hat dies alles nichts zu tun. Esoteriker, die sich als Menschen eingestehen müssten, dass sie nicht einmal einen Grashalm erschaffen können, sich aber für Götter halten, betrügen sich selbst und werden von anderen betrogen.