Reinkarnation als ein angebliches Gesetz ist eine unnötige und in sich widersprüchliche Vorstellung und als Idee überhaupt nur unter der Voraussetzung entstanden, dass es nur in den Dimensionen der uns bekannten materiellen Welt Fortschritte und Entwicklungsmöglichkeiten gäbe.
Viele Esoteriker glauben die Reinkarnationslehre auch mit der Bibel belegen zu können.
Wer aber die Bibel genau liest, erkennt, dass sie keine Reinkarnation individueller Geistseelen lehrt. Auch Jesus hat seinen Jüngern nicht Reinkarnation gelehrt, sondern, wie aus dem Beispiel des Blindgeborenen hervorgeht, eine Form der Präexistenz in einer geistigen Welt, was auch die Lehre des Origenes war, der in Wahrheit die Reinkarnation als „kindischen Glauben“ verwarf.
Begründung: Als Jesus und seinen Jüngern auf dem Berge Tabor Moses und Elia aus dem Paradies erscheinen, erkennen die Jünger in Elia eben dessen Gestalt, die ihnen offenbar vorher beschrieben wurde, und nicht etwa die des Johannes, die er ja angeblich inzwischen angenommen haben müsste, wenn Johannes eine Reinkarnation Elias gewesen wäre. Wenn Herodes sich die Frage stellt, ob Jesus der wiedergekehrte Johannes der Täufer sei, dann meint er logischerweise damit nicht die persönliche Reinkarnation des Johannes in Jesus, da beide ja offensichtlich parallel gelebt haben, sondern die prophetische Kraft und den Auftrag des Johannes, der auf Jesus übergegangen sei. Wenn die Jünger Jesus fragen, ob Johannes der wiedererstandene Elia sei, dann meinen sie eben dieses, denn Jesus erwidert ihnen: WENN IHR SO WOLLT, so ist er es! Demgegenüber erwidert Johannes der Menge, unter der auch viele griechisch gebildete und reinkarnationsgläubige Römer und Griechen waren, auf die Frage, ob er Elias sei: Ich bin es nicht! Auch die Frage des Pharisäers Nikodemus, der Jesu Lehre von der geistigen Wiedergeburt missverstand und zurückfragt: „Kann denn ein verstorbener Mensch wieder in den Leib einer Mutter eingehen?“, zeigt, dass Reinkarnation dem jüdischen Glauben ganz fremd war.
Während dem gläubigen Hindu, der Leiden und Elend gewohnt ist, der Reinkarnationsgedanke eine grauenvolle Vorstellung zu sein scheint, bedeutet dieser dem bisher noch immer träge Gemächlichkeit in geistigen Dingen und materiellen Wohlstand gewohnten Menschen des westlichen Kulturkreises ein ihn erfrischendes seelisches Labsal und eine Beruhigung seines Gewissens. Nach dem umgedrehten Motto: „Was du nicht heute kannst besorgen, das verschiebe hübsch auf morgen“, duldet er keine Eile, was die Arbeit an seinem Charakter betrifft, während er andererseits durchs Leben geradezu hetzt, beständig nach Wohlstand und Ansehen ringend. Den Christen, Muslimen und Juden, die eine Reinkarnation ausschließen, hält er seinerseits vor, dass diese ihr Leben in äußerster Eile und unter dem ständigen Druck von Strafandrohung verbrächten. So pflegen auch Anthroposophen zu urteilen. Dabei wird übersehen, dass es für Vertreter der bezeichneten Religionen nicht darauf ankommt, welche bedeutenden Leistungswerke vor den Menschen sie während ihres irdischen Lebens vorweisen können, sondern auf Werke der Tugend und vornehmlich der Gesinnung und Verantwortung gleichermaßen. Die Anhänger des Reinkarnationsglaubens, die für diese Lehre mit Begeisterung eintreten, beweisen dadurch, dass es ihnen weit mehr auf prunkende Leistungswerke vor der Öffentlichkeit als auf echte, einfache Liebeswerke, die meist im Verborgenen geschehen, ankommt. Selbsterkenntnis täte dem Spirituellen des Westens wie auch dem indischen Guru, der sein Leben weniger als Läuterungsweg denn vielmehr als erhabenen, heilsstiftenden Auftrag begreift, der ihm Ruhm und Ansehen einbringt, gleichermaßen durchaus Not. Es ist die weltliche Genuss- und Ruhmsucht, die vor allem den westlichen Menschen antreibt, die Reinkarnationslehre zu präferieren. Wenn er es in diesem Leben nicht zum Rockstar oder zu einem berühmten Professor, Herrscher, Künstler oder Schriftsteller geschafft hat, dann vielleicht das nächste Mal. Kommt Zeit, kommt Rat, so scheinen Esoteriker zu denken. Man bedenke außerdem die Zumutung, die mit vielfachen Elternpaaren für dieselbe Individualität verbunden wäre, sowohl für den Inkarnierten, als auch für die dazugehörigen Eltern, bei denen man mehrfach aufwächst, immer wieder von neuem beginnend, mit ganz ähnlichen Frustrationserlebnissen und weiteren, zum Teil schweren Traumatisierungen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie solche wiederholten Geburtshöllen, zumal unter einer ständig wachsenden Zahl von Erstinkarnierten – wie manche Esoteriker meinen – im Hinblick auf die unbeständige Zeugungs- und Gebärbereitschaft der zur Verfügung stehenden Elternpaare und deren meist unzureichender Reife als Erziehenden je von Erfolg gekrönt werden könnte. Rein mathematisch dürfte dadurch ein wirklicher Fortschritt im Hinblick auf Weisheit und Liebe nicht zu verzeichnen sein. Ganz im Gegenteil: Wegen des wachsenden Gesamtkarmas würde ein zunehmender Rückschritt nicht nur der reinkarnierten Individuen, sondern der gesamten Menschheit die Folge sein. Dasselbe würde auch eintreten, wenn – wie andere Esoteriker meinen – die Zahl der Reinkarnierten immer dieselbe bliebe und nur die zeitlichen Abstände zwischen den Inkarnationen sich verlängern oder verkürzen würden. So zeigt uns auch die ungeschönte Realität, dass ein geistig-moralischer Fortschritt, zumal ein kontinuierlicher, in der Menschheit nicht eingetreten ist und faktisch insgesamt eher von einem Rückschritt gesprochen werden kann. Die Welt ist eben kein zauberhafter Guckkasten, wie Esoteriker und Channeling-Medien sich dies vorstellen, wenn sie schöne Visionen darüber zu empfangen glauben, als welche bedeutenden Persönlichkeiten sie schon einmal gelebt haben sollen.
Der Glaube an Reinkarnation ist folglich mindestens ebenso grausam, lieblos und ungerecht, wie die Lehre der Welt- und Machtkirche von einer immerwährenden Verdammnis ohne Läuterungsmöglichkeiten direkt nach dem Tod, denn es ist eine grausame Zumutung, eine persönliche Schuld abtragen zu müssen, an die wir uns nicht erinnern können und die sich aufgrund einer belastenden Prägung im Verlaufe von Vorleben, die vererbten Neigungen der Voreltern miteingerechnet, fortwährend vermehrt. Wer auf der Erde geboren wird, trägt keine persönliche Sündenschuld aus einem vergangenen Erdenleben, die hier ohne sein Wissen abgetragen werden müsste. Die Voraussetzung einer Inkarnation ist prinzipielle Schuldlosigkeit, was für alle Säuglinge gilt. Wenn wir aber oft schon in Kleinkindern nicht nur einen ausgeprägten Grundcharakter, den sie offenbar in diese Welt mitbringen, sondern darüber hinaus manchmal auch Zeichen mangelnder Empathie und rücksichtsloser Verhaltensweisen beobachten, so ist zu bedenken, dass solches dadurch bedingt ist, dass wir in eine gefallene Welt hineingeboren und oft schon im Mutterleib von ihr affiziert werden.

