Gott ist dialogisch in sich selbst vor aller Schöpfung, er ist nicht trialogisch.
In der gesamten Bibel findet man keine Lehre von einem trinitarischen, gar drei-persönlichen Gott.
Das ist wohl der einzige, aber zugleich unwiderlegliche Kritikpunkt, den der Koran den Christen vorhalten kann. Die einzige Bibelstelle, die offenbar von drei Hypostasen „Vater, Sohn und Heiligem Geist“ in einem Satz spricht, findet sich am Ende des Matthäusevangeliums im Zusammenhang mit dem „Taufbefehl“ und steht im begründeten Verdacht, eine spätere Hinzufügung durch Kirchenlehrer zu sein. Denn getauft haben die Apostel in der Tat immer nur auf den Namen Jesu. Allerdings lässt sich aus der Tatsache, dass das Johannesevangelium Jesus auch nach seinen eigenen Worten als präexistent vor aller Schöpfung beim Vater und als der „Ich-Bin“ bezeugt, und Paulus schreibt, dass in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig sei, ohne weiteres ableiten, dass er als wesenhaft selbst Gott von Urbeginn an in einem persönlichen Wechselverhältnis zum Vater stand und daher von mindestens zwei Personen in Gott die Rede sein müsse. Was allerdings damit der Heilige Geist als dritte Person zu tun haben soll, bleibt unbegründet und eine theologische Gelehrtenkonstruktion. Insofern haben wir zumindest das Recht, von einem Gott zu sprechen, der mit sich selbst in Dialog steht, einem dialogischen Gott. Gott setzt sich selbst ein zweites Mal, aber nicht derart, dass es sich um einen zweiten Gott neben ihm handelte, sondern um sein reflektiertes Selbst, den „Logos“, das „Wort Gottes“, seinen „Sohn“, in dem er sich selbst als in einer selbständigen Wesenheit bespiegelt.
Wenn ich hier vom „Logos“ als von dem reflektierten Selbst Gottes spreche, dann ist das nicht im Sinne eines Vergleiches von Sonne und Spiegel zu verstehen, etwa dergestalt, dass sich das Licht der göttlichen Sonne in ihm spiegeln würde, was ja niemals ohne den Verlust von Lichtstrahlen abgehen könnte, sondern gemeint ist eine dialogische „Reflexion“, ein dialogischer Austausch unter Bewahrung der wechselseitigen Selbstständigkeit. Wie, so würden nun Muslime fragen, ist aber ein solcher Austausch zwischen Gott und seinem „Sohn“ möglich, wenn das nicht voraussetzen würde, dass Gott unvollkommen sei. Denn ein vollkommener Gott, so würden sie argumentieren, benötigt weder Austausch noch Dialog mit einem anderen. Das ganze Argument entfällt aber, sobald deutlich wird, dass sich dieser Dialog im Bewusstsein Gottes selbst abspielt. Gott ist in seinem ganzen Wesen dialogisch, denn wäre er es nicht, so wäre er von Anfang an auf eine Schöpfung als seinen Dialogpartner angewiesen, um dadurch tätig und seiner selbst bewusst zu sein. Er ist aber völlig unabhängig von seiner Schöpfung. Vielmehr ging alles Seiende aus ihm hervor.
Die Frage, die sich daran anknüpft, ist im Folgenden die, ob dadurch Gott in sich selbst in zwei verschiedene Personen gespalten sei und ob es dadurch schon vor der Schöpfung eine Form der Zeit und somit des Raumes gab. Das Letztere muss bejaht werden. Aber es handelt sich nicht um eine lineare Zeit, nicht um linear aufeinanderfolgende Zeiträume, die gewissermaßen die vorausgegangenen Zeiträume in ihrer Eigenexistenz außer Kraft setzen würden. Es handelt sich vielmehr um eine zyklische oder genauer spiralig zu denkende „Zeitschleife“, die innerhalb einer unermesslichen Dauer gleichsam ewig ruht. Die „Dauer“ wiederum lässt sich etwa so veranschaulichen, wie sie der französische Philosoph Henry Bergson beschrieben hat, als einen Zustand, der frei von Vergänglichkeit und einem Nacheinander von Zeitpunkten oder Zeitabschnitten ist, einfach nur ruhende Dauer, ruhende Gegenwart. Was geschah oder vielmehr geschieht in dieser Dauer, was ist ihr Inhalt? Das Geschehen in ihr, so können wir denken, ist ein beständiger Dialog Gottes mit seinem Sohn. In ihr wurde die ganze Schöpfung in allen ihren möglichen Ereignissen und allen zahllosen Wesen in ihr vorweg geplant. In allen möglichen zyklischen Zeitlinien ihrer Entfaltung stand sie in der Ewigkeit schon fest und wurde im Vaterbewusstsein vorausgesehen. Aber die Entscheidung und die Wahlmöglichkeiten der ebenbildlichen Geschöpfe in Menschengestalt wurden im Einzelnen nicht festgelegt, und es wurde auch nicht von Anfang an eine Auswahl oder Verwerfung bestimmter Geschöpfe nach Optimierungszwecken getroffen. Allein das Ziel der Schöpfung und der Wille Gottes mit ihr stand von Ewigkeit fest: Die Leibwerdung Gottes in jedem ihrer Glieder, ganz gleich, auf welchen Umwegen dieses Ziel erreicht werden sollte.
Nun mag man einwenden: Auch wir als Menschen haben die Fähigkeit, gleichsam aus uns herauszutreten und uns selbst in unserer Vorstellung wie in einer anderen Person und Rolle zu begegnen. Doch geschieht dies dann nur virtuell, und unser projiziertes Selbst wäre nie wirklich eine unabhängige Person. Bei Gott ist das aber anders. Während wir letztlich immer auf ihn als das im Ur-Ich erscheinende Ur-Du dialogisch angewiesen sind, ist Gott in sich selbst dialogisch und spirituell so organisiert, dass er sich selbst sein eigenes Wesen als ein abgeleitetes anderes so gegenüberstellt, dass dieses eine kritische, unabhängige Position in freier Willensentscheidung seinem „Vater“ gegenüber einnehmen kann. Soviel zum Einwand gegen Gott, dass dieser nicht anders könne, als unreflektiert seiner eigenen Willkür-Natur zu folgen, da er ein unumschränkter Herrscher über alles sei.
Wie nun aber, wenn es heißt: Jesus säße zur Rechten Gottes? Sind dann Jesus und der Vater nicht zwei Personen, und, wenn nicht zwei Götter nebeneinander, wenigstens zwei Personen in einem Gott? Keineswegs! Denn der Sohn, so heißt es, sitzt ja zur Rechten Gottes und nicht zur Rechten des Vaters. Der Messias ist also das ausführende Organ Gottes, in dem aber, wie im rechten Arm des Menschen, die gesamte Kraft des Leibes anwesend ist. Bezogen auf den Gesamtumfang der als „Vater“ bezeichneten Gottheit und deren spirituellen Leib, den diese für sich selbst hat, ist der „Sohn“ als individuelle Wesenheit zugleich auch das innerste, kommunikative Wesenszentrum der gesamten Gottheit. Der „Sohn“ ist somit buchstäblich im „Vater“. Aber der „Vater“ ist zugleich auch im „Sohn“. Der „Sohn“ in der Gottheit des „Vaters“ ist wohlgemerkt vor seiner Inkarnation im Menschen Jesus weder ein Mensch noch ein körperlich begrenztes Wesen. Er wurde es erst durch seine Menschwerdung in Jesus. Dies muss ganz klar herausgestellt werden. Alle menschlichen Darstellungen Gottes im Alten Testament vom „Engel des Herrn“ bis zum Priesterkönig Melchisedek sind durch himmlische Boten, sprich Engel, vermittelt und keine Inkarnationen Gottes. Das Alte Testament spricht es im Klartext aus: Gott ist kein Mensch. Er denkt, trachtet und handelt nicht wie ein Mensch. Dennoch ist das Formenurbild des Menschen die Konzeptionsgrundlage der gesamten Schöpfung. Nach dem Urbild des Menschen, das im „Sohn“ verankert ist, ist alles gestaltet, von den Mineralien bis zu den Weisheitshierarchien der Engel hinauf. In Anbetracht dieser Tatsache wird die Inkarnation Gottes durch sein kommunikatives Wesenszentrum in Jesus als ein innerhalb der ganzen Schöpfung ungeheuerliches und einmaliges Ereignis deutlich, das zugleich auch auf die besondere und einmalige Bedeutsamkeit jeder einzelnen menschlichen Inkarnation verweist, die als solche nicht ohne weiteres wiederholt werden kann.
Christen, die an eine Gottheit in drei getrennten Personen glauben, werden aus der Sicht von Muslimen völlig zurecht als Götzenanbeter und Götzendiener bezeichnet. Sie haben von Gott keine wirkliche Ahnung, beten abwechselnd zu menschenähnlichen Götzen, statt durch Jesus zum Vater und sind spirituell dem Zeitgeist und seinen Tücken in der Regel völlig ausgeliefert.
Der Vater ist Gott im Umfang seines gesamten spirituellen Leibes. Der Sohn ist sein inneres, kommunikatives Wesenszentrum und der Heilige Geist seine von Vater und Sohn in die Schöpfung ausgehende schöpferische, erleuchtende harmonisierende und heilende Wesenskraft. Mitnichten handelt es sich um untereinander unabhängige menschenähnliche Individuen. Dass es sich zumal beim Heiligen Geist nicht um eine dritte, menschenähnlich gedachte Person handeln kann, wird schon darin erkennbar, dass dieser in der Bibel bildhaft als Taube und nicht als alter oder junger Mann symbolisiert wird. Gott ist eine dialogische, keine trialogische Wesenheit. Gleichwohl, und das ist äußerst wichtig, ist der Heilige Geist aber auch keine unpersönliche, physikalisch zu denkende Kraft, wie manche Sektierer und Esoteriker glauben. Wenn also Heiler wie William Branham oder Bruno Gröning auftreten und den Heiligen Geist, der sie angeblich beflügelt, mit einem elektrischen Kraftstrom gleichsetzen, der sich darüber hinaus auch noch an Taschentücher und Stanniol-Kügelchen binden lässt, so ist offenkundig, dass ihre Heilenergie nichts mit dem Heiligen Geist zu tun hat, sondern von unten stammt. Wir nennen diese ätherische Naturkraft „Kundalini“. Dasselbe gilt für ekstatische Besessenheitszustände, wie sie in charismatischen Gemeinden zu finden sind.

