Unversöhnlich stehen sich heutige Christen schon dann gegenüber, wenn es um die zentrale Frage geht, das Reich Gottes überhaupt zu verorten.
Es stehen sich heute zwei unterschiedliche, einander sich geistig bekämpfende eschatologische Hauptrichtungen der Christenheit gegenüber:
Der sogenannte Prämillennialismus und der sogenannte Amilliennialismus, dessen Variante auch Postmillennialismus genannt wird. Der Prämillennialismus geht davon aus, dass das Reich Gottes mit der Wiederkunft Christi in seinem Auferstehungsleib, wenn auch schon vorbereitet in der Gesinnung der Gläubigen, noch nicht gekommen ist und wir uns folglich noch im alten Weltzeitalter befinden, von welchem Jesus sagte, dass er darin nicht König sei.
Der Amillennialismus geht dagegen davon aus, dass wir uns – allem Anschein zum Trotz – seit Jesu Auferstehung schon im Reich Gottes auf Erden befänden. Dieses Reich bestünde in einem geheimen Frieden mit Gott im Herzen jedes Gläubigen und dauere fortan eine unbestimmte Zeit bis zur materiellen Totalauflösung des Erdplaneten. Die Variante des Postmillennialismus fügt dem noch hinzu, dass die Herrschaft Christi und sein Reich im Anschluss an diese Totalauflösung erfolge, wobei es sich dann eben nur um ein ausschließlich himmlisches Reich handeln könne, das niemals auf der Erde zu verwirklichen sei.
Wie sieht die diesbezügliche Wahrheit aus? Sollte man da nicht bei den Aposteln und bei den Aussagen Jesu selbst anfragen?
Die Christen der Urgemeinden waren – dass ist auch historisch nachweisbar – natürlich alle Prämillennialisten. Sie erwarteten das Reich Gottes irdisch und himmlisch und den Abschluss des alten Äons mit großer Sehnsucht, und sogar Paulus erhoffte sich das Reich Gottes noch zu seinen Lebzeiten. In Wahrheit ist es auch heute noch nicht gekommen, ganz im Gegenteil: der Kampf um das Reich Gottes liegt derzeit in den vollen Zügen (Siegelgerichte, die den Posaunengerichten und dem Weltreich des Antimessias vorausgehen). Das Evangelium wird schon lange nicht mehr schriftgemäß verkündet, eigentlich schon seit der uns bekannten, im vierten Jahrhundert entstandenen Welt- und Machtkirche nicht mehr, und schon gar nicht auf der ganzen Welt. Stattdessen bekämpfen sich heute die unterschiedlichsten christologischen Richtungen, Organisationen und Sektenvereine, die alle für sich in Anspruch nehmen, vom Heiligen Geist getrieben zu sein, vorerst wegen des Machtschwundes der Weltkirche noch nicht mit Waffengewalt, aber ich sehe die Zeit noch kommen, dass auch ein Gemetzel unter Menschen angerichtet werden kann, die sich heute „Christen“ nennen. Die Prophezeiung Jesu und der Apostel, dass am Ende des alten Äons, dessen Abschluss mit einer weltweiten Feuerkatastrophe einhergehen soll, die gute Botschaft auf der ganzen Welt verkündet werden wird, (die allerdings auch dann noch immer wenig Gehör finden soll), hat sich bisher noch nicht erfüllt. Es wird dann freilich in der betreffenden Zeit für niemanden mehr eine glaubwürdige Entschuldigung oder Ausrede geben, er habe von nichts gewusst oder die Botschaft überhört.
Der Amillennialismus ist eine unbiblische, im Urchristentum nicht beheimatete Lehre, die auf Augustinus zurückgeht, einen Kirchenlehrer, der durch seine manichäisch geprägten Irrtümer der katholischen Machtkirche ideologisch eigentlich erst zu ihrem unheilvollen Aufstieg verholfen hat. Nach dieser Auffassung leben wir heute schon, und zwar seit der Gründung der christlichen Gemeinden und schließlich der römischen Kirche in der laut Johannesoffenbarung prophezeiten Epoche des „tausendjährigen“ Friedens zwischen Gott und den Menschen und unter der Herrschaft Christi. Um diese Auffassung zu rechtfertigen, waren Augustinus und seine Anhänger freilich gezwungen, die konkreten Angaben aller biblischen Propheten im Hinblick auf einen künftigen weltweiten Frieden, allgemeine Gesundheit, lange Lebensdauer und persönliche Herrschaft des Messias auf unserer Erde von Israel aus sowie eine Umgestaltung der irdischen Naturreiche rein allegorisch auszulegen, nach dem Ausbleiben des Weltendes um das Jahr Tausend dann auch das noch verbleibende wörtliche Verständnis der „Tausend Jahre“ selbst. Die Erwähnung der „Tausend Jahre“ in der Johannesoffenbarung ist allerdings im Kontext tatsächlich symbolisch und nicht buchstäblich zu verstehen, da schon Jesus von einem ganzen künftigen Welt-Äon – also einem Zeitraum von vielen Tausend Jahren Dauer spricht und die Propheten ausdrücklich von einer „ewigen“, also äonischen Herrschaft des Messias auf dem Berge Zion weissagen. Allerdings in Anbetracht des schon im vierten Jahrhundert herrschenden Judenhasses und der damals noch relativ friedlich aufblühenden katholischen Kirche sind die allegorischen Umdeutungen des Augustinus verständlich und nachvollziehbar, um so weniger aber die seiner Anhängerschaft in unserer Zeit, deren zwanghafte Ansichten mittlerweile an blanken Irrwitz grenzen. Da wird der prophezeite Friede zwischen Gott und den Menschen sehr privat und innerlich als ein „Friede zwischen Gott und den Gläubigen“ ausgelegt, die „Menschen“ also mit den „Gläubigen“ gleichgesetzt. Ganz abgesehen davon, dass das so nicht dasteht, lässt sich ja die Frage stellen, wo denn derzeit solche Gläubigen zu finden sind, wenn nicht in Sektengruppen mit gleichgeschalteter Meinung. So weiß mancher dieser „Gläubigen“, der gar zu sehr auf seinen zwanghaft herbeigerufenen Auslegungen beharrt, ja nicht einmal mehr, wo seine Glaubensbrüder heute leben und wer sie eigentlich sind. Und von einem inneren Frieden, wo schon der äußere fehlt, ist ebenso herzlich wenig bei ihnen zu merken. Weiterhin bekennen die Propheten auch, dass der Messias in seinem künftigen Reich mit eisernem Stabe herrschen wird. Wo sehen wir denn schon heute diesen Messias mit seinem eisernen Zepter, der den Kapitalverbrecher ohne Federlesen mit dem „Hauch seines Mundes“ richtet? Heute in einer Zeit ungezügelter Verbrechen, Korruption, Umweltzerstörung, Seuchen und Kriegstreiberei? Freilich versuchen gewisse Kreise luziferanischer Freimaurerei mit Unterstützung der atheistischen Transhumanisten heute schon zu ihren eigenen Gunsten ein solches „eisernes Zepter“ aufzubauen – durch Infiltration, Kontrolle, Impfungen, Genexperimente, Massenmedien und Digitalgeld. Aber derartige Versuche werden scheitern, und sie werden wohl auch von solchen Bekennern der Allegorie nicht ernstlich gemeint sein, wenn sie vom „eisernen Hirtenstabe“ des Messias lesen.
Der Amillennialismus, muss alle Propheten der Bibel radikal im Sinne einer bloßen Allegorie uminterpretieren und damit relativieren, abschwächen und auf wenige Aussagen reduzieren, in denen blind, monoton und undifferenziert immer wieder auf die Errettung der Gläubigen vor der Hölle, für die allein prophezeit worden sei, abgehoben wird. Da wird dann nichts mehr stehengelassen, wie es dasteht.
Was sind die psychologischen und spirituellen Hintergründe des Amillennialismus? Die Hintergründe sind zum einen ein abgrundtiefer, generalisierter Judenhass, ein bibelfremder Ahistorismus, verbunden mit der Leugnung einer durch die Apostel bezeugten wunderbar-himmlischen Führung von Individuen und ganzen Völkerschaften trotz aller herrschenden Bosheit und eine Gleichsetzung der Nationen, bevorzugt und vor allem der israelischen, mit ihren korrupten und luziferisch-satanischen Regierungen. Weiterhin ist darin eine starke Weltflucht impliziert, die gerne zugunsten der „Rettung der Kinder Gottes“ alle sozialen Probleme hinter sich lassen möchte und der baldigen Totalvernichtung der Erde entgegenfiebert.
Eine Weltflucht ähnlicher Art kommt im sogenannten Dispensationalismus zum Ausdruck, der heute auch gerne undifferenziert mit dem urchristlichen Prämillennialismus gleichgesetzt wird. Der Dispensationalismus nimmt eine unbiblische gesonderte Heilsordnung für Juden und Christen an und beruft sich auf neuere, von Nelson Darby begründete Falschauslegungen neutestamentlicher Texte, die eine „Vorentrückung“ der „gläubigen Gemeinde“ (die Frage wäre: welcher Gemeinde) vor der prophezeiten Herrschaft des Antimessias und vor dem Höhepunkt der damit verbundenen „Zeit der Drangsal“ lehren, ein Evangelium für gestandene Wohlstandschristen, die sich in Sicherheit wiegen wollen und weltliche Verfolgung fürchten, während ihnen ihre verfolgten christlichen Mitbrüder in anderen, vorwiegend muslimischen Ländern, sowie die aufgewachten Gläubigen im eigenen Umfeld, die heute schon die größten Drangsale erleiden, offenbar gleichgültig sind.
Laut übereinstimmender Bibeltexte wird es aber nur eine einzige Entrückung der bis dahin der Wahrhaftigkeit Treugebliebenen geben, nämlich erst unmittelbar vor der großen weltweiten Feuerkatastrophe, die der Erdumbildung vor dem messianischen Zeitalter vorausgehen soll. Und so dreht heute beinahe jeder Gemeindechrist unter Streichung scheinbar widersprüchlicher Texte und unter angepasster Übersetzung nur noch sein eigenes Ding und konstruiert und zimmert sich seine eigene Weltglocke zurecht, unter der er oder sie nach Gründung seiner oder ihrer bald ausschließlichen „ein Mann-“ oder „eine Frau-Sekte“ freilich vergeblich nach innerer Geborgenheit suchen wird.

