Die Gnosis, die die Erlangung des Seelenheils durch Einweihung in eine vorgeblich geheime Erkenntnislehre verspricht, hat immer schon den „neuen Weg“ der Nachfolger Jesu durchsetzt.
Der Gott der Machtkirche war und ist spätestens seit dem vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht mehr der Gott der Apostel und Jünger Jesu.
So wurde auch die Wassertaufe, ein öffentliches Bekenntnis demütiger Hingabe vor der Gemeinschaft von Glaubensgeschwistern in einen magischen Akt umgedeutet, der von sich aus oder zumindest als Zusatzforderung heilsnotwendig sei. In Wahrheit diente sie den Glaubensgeschwistern zur Stärkung ihres Willensentschlusses. Später entartete die Handlung von einem den ganzen Menschen umgreifenden Ausdruck zu einem Zeremoniell.
Die sinnfreie Säuglingstaufe hingegen geht auf Augustinus, einen der größten, noch immer hochgeehrten Kirchenirrlehrer zurück, der sowohl die Kindertaufe als auch die Prädestinationslehre und die dogmatische Lehre der immerwährenden Höllenverdammnis aufgrund der angeblichen „Erbsünde“ in die Christenheit eingeführt hat. Seine „Neuoffenbarungen“ stammen aus der Gnosis, denn von der Sekte seiner Jugendzeit, dem Manichäismus, hat er sich auch nach seiner christlichen Bekehrung nie völlig lösen können.
Alle früheren Kirchenlehrer gingen vom freien Willen des Menschen in spirituellen Grundsatzentscheidungen aus und unterschieden das Vorherwissen Gottes von einer Vorherbestimmung. Allein Augustinus, obwohl in den Anfängen seiner Bekehrung mit ihnen einer Meinung, kehrte zu dem stoischen Grundsatz einer durchgehenden Vorherbestimmung des menschlichen Schicksals zurück. Er berief sich dabei sogar auf Paulus, dessen Briefe über die Auserwählung und die zubereiteten Gefäße des Verderbens er missverstand. Durch Augustinus zog das Bild eines Monstergottes, eines verkleideten Molochs, in die sich entwickelnde Machtkirche ein. Die Lehren des Augustinus waren geeignet, diese Machtstrukturen zu stützen und zu einem Kontrollapparat der Bevölkerung auszubauen. War doch Augustinus auch der erste, der sich für eine Tötung hartnäckiger Ketzer aussprach.
Einige Rosenkreuzer wie Jan van Rijckenborgh, der Gründer des gnostischen „Lectoriums“, meinten, dass Augustinus den gnostischen Weg noch nicht habe gehen können und sich daher der Kirche zugewendet habe. Das entspricht keinesfalls den Tatsachen: Augustinus wollte den gnostischen Weg nicht weitergehen, weil er sehr wohl dessen luziferische Hintergründe erkannte, aber er konnte sich als ehemaliger religiös orientierter Weltmensch und „Psychiker“ (im Sinne des Paulus und im Unterschied zum „Pneumatiker“) nicht völlig davon lösen. Dazu hätte er den Weg der geistigen Wiedergeburt gehen müssen, der aber nicht mit weltlichem Erfolg verbunden gewesen wäre. Auf diesen war aber sein Hauptaugenmerk gerichtet, denn er wollte weltlichen mit geistlichem Erfolg verbinden, wofür auch seine rhetorische Grundausbildung spricht. Daher auch der bekannte überlieferte Ausspruch, der sein Ringen auf den Punkt bringt: „Herr, schenke mir Keuschheit – aber nicht jetzt!“ Wenn ich seine Confessiones lese, ist mir der beschwörende, heuchlerisch wirkende Unterton fast unerträglich, so dass ich jedes Mal von neuem abbrechen muss. Das mag subjektiv erscheinen, ich betrachte es aber als ein Warnsignal. Augustinus war offenbar ein typischer „Psychiker“, der nach seiner Bekehrung zunehmend gnostisches, dualistisches Gedankengut in seine christlichen Erkenntnisse bzw. die Lehren seiner dem urchristlichen Weg folgenden Vorgänger mischte.
Der Manichäismus wiederum geht auf den persischen Gnostiker und Synchretiker Mani zurück, der hundert Jahre vor Mohammed lebte, welcher sich ebenfalls – wie sein Vorläufer Mani – für den „Parakleten“, den personifizierten Heiligen Geist, hielt. Mani spielte für Augustinus eine ähnliche Rolle wie Rudolf Steiner für die Anthroposophen heute. Ihre Gemeinsamkeit besteht vor allem darin, dass die Materie abgewertet wird als unvorteilhafte, zu starke Verdichtung des Geistes.
Steiner hat die Materie zeitlebens immer wieder aufzuwerten versucht, obwohl er aufgrund seines gnostischen Gedankenguts der negativen Beurteilung derselben nie völlig entkam und den (vorzeitigen) Beginn der Vergeistigung der Materie schon für die Zeit nach dem Jahr 3500 voraussagte. Die Wahrheit dahinter ist, dass es sich bei der Materie um niederschwingende Ätherfelder handelt, in denen nach einem Urgeisterfall verlorene Seelenmonaden auf ihrem Gang durch die Naturreiche reaktiviert werden sollen. Die Gnostiker haben dieses positive, durch Jesus vermittelte Wissen der Apostel, das in der Lehre des Mani einen gewissen Nachhall fand, in das Gegenteil eines Hemmnisses pervertiert. Daher mussten sie einen negativen Gott, den „Demiurgen“ annehmen, analog zur Lehre Platons und Pythagoras, die ebenfalls einen solchen göttlichen Schöpfer annahmen, einen Demiurgen, hinter dem sich aber Luzifer verbirgt. Luzifer selbst hat ein ausgesprochenes Interesse daran, dass die Reaktivierung der Seelenmonaden der durch ihn absichtlich verführten und gefallenen Angeloi, zu denen wir Menschen ursprünglich einmal gehörten, möglichst verhindert wird, so dass sie niemals zur Gotteskindschaft gelangen können.
Die Geheimlehre der gnostischen, kabbalistischen Luziferaner, die in den oberen Logen der Freimaurerei vertreten sind, besteht in der Hauptsache darin, dass die Rollen des teuflischen Demiurgen, der das materielle Universum geschaffen habe, mit dem biblischen Gott vertauscht wurden, indem Jahwe zu diesem Demiurgen und Luzifer zum wahren positiven, wohlmeinenden Gott erklärt wurde. Dies war denn auch die Lehre des Hochgradfreimaurers Albert Pike, und ebenso war es die christologische Hintergrundlehre Rudolf Steiners, die den „hohen Sonnengeist“ Christus gegen den „Mondgott“ Jahwe ausspielte.
Mohammed hinwiederum machte den Mondgott Allah zum Schöpfer des Universums und stellte ihm den „Dschinn“ Iblis (Luzifer) als dessen aufbegehrendes Geschöpf gegenüber. Aus den geschilderten Zusammenhängen lässt sich leicht begreifen, wie all diese Lehren zusammenhängen und wie die luziferische Gnosis schon seit Jahrtausenden eine freie, zwanglose Lebensauffassung und somit den christlichen Vertrauensweg unterminiert.
Der Manichäismus, der auf dem Zoroastrismus, der dualistischen Lehre Zarathustras, aufbaut, begreift die Welt als einen unaufhörlichen Kampf zwischen Gut und Böse innerhalb zyklischer Weltperioden. Darin ist er der hinduistischen Lehre verwandt. Ein materialistischer Widerhall findet sich in der „Welteislehre“ des späteren Nationalsozialisten Hanns Hörbiger, die auch dem ideologischen Weltverständnis Hitlers am besten entsprach, sofern man nämlich der Lehre des weltenerschaffenden Kampfes zwischen Eis und Feuer die nationalsozialistisch-politische Sonderinterpretation von „Gut“ und „Böse“ unterlegt.
Während aber nach Manis und Zarathustras Lehren die metaphysischen Prinzipien von Gut und Böse schöpfungsbedingt, gleichmächtig und von Grund auf unversöhnlich seien und daher sich untereinander in ewigem Kampf befänden, war es den späteren, auf christlichen, hinduistischen und pantheistischen Grundsätzen basierenden gnostischen „Eingeweihten“ ein besonderes Anliegen, Gut und Böse durch eine besondere verbindende Synthese miteinander zu veröhnen, was bereits bei den Nikolaiten der urchristlichen Gemeinden, später den mittelalterlichen Katharern und heute den modernen Theosophen und Esoterikern zu beobachten war, weniger hingegen bei den zionistischen Kabbalisten, die mehr um eine Synthese von Männlich und weiblich als von Gut und Böse bemüht sind, während sie andererseits – ähnlich dem Nationalsozialismus – ihrer Interpretation des Guten, nämlich einer Weltherrschaft des „auserwählten Volkes“ den Sieg gönnen.
Der Idee einer Versöhnung von Gut und Böse liegt jedoch ein folgenschwerer Irrtum zugrunde, der beinahe noch schwerer wiegt als die Lehre vom schöpfungsbedingten unaufhörlichen Kampf zweier gleichmächtiger Prinzipien. Das Böse ist weder ein eigenständiges Prinzip noch ist es in das Gute integrierbar, sowenig in Gott selbst irgendein Böses wäre. Die Integration des Bösen auf dem Wege der Individuation ist auch die Lehre des Psychoanalytikers und Gnostikers C.G. Jung. Sie geht – wie die Gnosis überhaupt – von der Fehldeutung aus, dass Gut und Böse schöpfungsgemäße Komplementäre seien. Das ist aber keineswegs der Fall, da es sich bei dem Wesen des Bösen weder um ein Komplementär zum Guten noch um ein eigenes Prinzip handelt, sondern um den Willensvorsatz, den Plan Gottes mit seiner Schöpfung zunichte zu machen und eine elitäre Schöpfung an seine Stelle zu setzen. Da der vom Bösen besessene Mensch Kräfte des Guten aus Gott benötigt, um seinen Plan ins Werk zu setzen, ist er gezwungen von diesen Kräften zu zehren und auf Dauer schwächt und richtet er sich dadurch selbst, wenn ihm nicht ständig neue Kräfte aus Gott zufließen.
Bei einer gelingenden Psychotherapie geht es um etwas ganz anderes als um eine Integration des Bösen und eines mit dem Bösen fälschlicherweise identifizierten Schattens: Unsere negativen Affekte wie ungezügelte Wut, tödlicher Zorn, Hass und negative, zerstörerische Gedanken sollen zunächst einmal als gegeben akzeptiert und angenommen und in der Folge auf ihren berechtigten Ursprung erforscht werden. Eine Bewertung in Gut und Böse, eine Abwertung des Bösen soll nicht erfolgen, vielmehr der berechtigte Aspekt darin gesehen werden. Stattdessen soll Liebe, Demut und Mitgefühl Einzug halten, aber auch eine gänzliche Abschottung gegen alles mutwillig Böse erfolgen. Keineswegs aber sollen zerstörerische und rücksichtslose Willensgrundsätze in unsere Persönlichkeit, etwa als deren notwendige Bestandteile, integriert werden. Beachtet und gefördert werden soll das Gute, nicht das Böse. Das Böse hat keinen eigenmächtigen Bestand. Wer beides allerdings vermischt und relativiert, wird keinen Schutz finden gegen die Mächte, die gegen ihn anstürmen werden – und er wird schwerlich siegen.

