Allzu aufdringlichen, in ihrer Rechthaberei unbelehrbaren „Herr, Herr“-Schreiern geht es in erster Linie immer vor allem um sich selbst, ihren eigenen geistigen Wohlstand und das Lob ihrer Anhänger.
Das Hauptproblem, das viele Angehörige evangelikaler oder charismatisch-pfingstlerischer Bewegungen an ihrer Verbindung mit Gott behindert, ist das Schwanken zwischen einem gewissen Glauben an Werkgerechtigkeit einerseits und der einschläfernden Passivität, die sie im Hinblick auf eine ernsthafte Arbeit am eigenen Charakter an den Tag legen, auf der anderen Seite.
Letztere ist in den Augen der meisten von ihnen gar nicht vonnöten, da sie die Arbeit am eigenen Charakter, das fortwährende Ablegen von Rechenschaft über die eigenen Handlungen, in einer Art verwirrten Denksinns mit Werkgerechtigkeit gleichsetzen. Hat doch nach ihrer Meinung Jesus schon alles für sie getan. Erlösung, so sagen sie sich, sei nur durch Glauben möglich und nicht durch Werkgerechtigkeit. Und dem bloßen Wortsinn nach haben sie damit auch völlig recht. Nur: Glauben heißt nicht Verstandesannahme einer Erlösung durch Jesus und sich nicht auf einer solchen ausruhen, sondern Vertrauen auf Führung durch ihn, und Vertrauen heißt Liebe, und zwar in einer intensiven und bedingungslosen Form. Liebe aber ist Dialog, und Liebe ist keine anstrengende, dem Intellekt und Körper abgerungene Leistung, sondern das genaue Gegenteil.
Nach meiner Beobachtung haben das viele, wenn nicht die meisten Gemeindemitglieder heute noch nicht verinnerlicht, da sie sonst ihre verschiedenen Laster, besonders das größte von allen, das der Arroganz und Überheblichkeit in punkto Religion, im Dialog mit Gott durch Jesus und unter Bitten um geistige Führung zumindest schrittweise abgelegt hätten. Dass diesen Weg zu gehen unnütz sei und ganz im Gegenteil ein Zeichen dafür, noch unter dämonischem Einfluss zu stehen, wird ihnen so häufig in ihren Gemeinden gelehrt, und in Hochmut schauen sie auf solche mit sich ringenden Menschen herab und meinen, diese glaubten nur nicht fest genug, sonst würde ihnen kein Unheil geschehen.
Die meisten freien Gemeindemitglieder heute gehen von der „Unverlierbarkeit des Heils“ aus, das ihnen zugleich mit dem Verstandesakt ihrer so verstandenen Bekehrung unter den Augen der Gemeinde zuteilgeworden sei, zusätzlich bekräftigt durch den Akt der Wassertaufe, der sie so etwas wie einen magischen Status oder eine für das Seelenheil unerlässliche Gehorsamspflicht zuschreiben. Dagegen gilt die von der Mehrzahl dieser Gemeindemitglieder vertretene aktionistische Werkgerechtigkeit, die sie aber als solche gar nicht erkennen, als ein zusätzlicher, diesem besonderen Grundgehorsam aufgepfropfte Leistung, die notwendig sei, um unter den schon ohnehin Erlösten einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Sie glauben allen Ernstes, Gott würde ihnen zu ihrer unverdienten Erlösung für ihre guten Werke Zusatz-Noten verteilen, und es seien auch einige unter ihnen, die für alle Ewigkeit mit der Note „mangelhaft“ Vorlieb nehmen müssten. Solch eine Notengebung für aufgepfropfte Werke führen sie unter der falschen Bezeichnung „Preisgericht“ an. Das Wort kommt aber in der Bibel so nicht vor. Es handelt sich dabei um ein Missverständnis. Denn freilich ist biblisch an mehrfachen Stellen von einem “Lohn“ die Rede. Aber damit ist kein gestaffelter, äußerlich zugemessener Lohn für gute und zahlreiche Leistungswerke gemeint, sondern allein die Früchte, die aus der Intensität und Art der Liebesbeziehung zu Jesus ungezwungen hervorgehen, einer Liebe, die natürlich immer dialogisch ist und gute Werke als Ausdruck und Nebenprodukte hervorbringt, aber nicht nach menschlich gesetztem Eigenwillen.
Es ist also keineswegs ein Ausdruck sklavischer Bescheidenheit und demütiger Kriecherei, wenn sich die Nachfolger Jesu, nachdem sie die äußere Nutzlosigkeit all ihrer Projekte und ihres Selbsttuns eingesehen haben, Gott freiwillig hingeben, dergestalt, dass Gott selbst durch sie wirken und die guten Werke durch sie stellvertretend hervorbringen kann, faule und nutzlose Knechte nennen, sondern es ist die pure Wahrheit.
Es kommt also nicht auf die quantitative Zahl und Größe äußerer Werke an, nach denen etwa staffelartig abgerechnet wird, sondern auf die Art und Intensität der Liebesgesinnung zu Gott, dem Nächsten und der ganzen Schöpfung, die natürlich unterschiedlich ist und sein muss, aber im Reich Gottes und besonders nach der Auferstehung stetig wachsen kann. Auch Paulus weist immer wieder darauf hin, dass es nicht auf die Zahl und das Ausmaß äußerer Werke ankommt und dass im Gegenteil der, der unermüdlich für äußere Werke kämpft, nicht aufgrund von Werken gekrönt wird, „es sein denn, er kämpfe gerecht“, also aus Liebe zu Gott, dem Nächsten und zu der ganzen Schöpfung, zu der ihn die Erkenntnis und Erfahrung der allumfassenden Liebe Gottes übermannt.
Es ist von daher klar, dass Charismatiker und Evangelikale, die gemäß ihrer lohndienerischen Gemeindelehren vor dem Weltenrichter all ihre frommen Werke aufzählen, um Jesus zu beeindrucken, sich auf eben diese Werke, die ihrem Selbstwertgefühl erheblich schmeicheln, sehr viel einbilden zu können glauben. Dadurch haben sie aber, ohne es selbst genau zu reflektieren, auf die Werkgerechtigkeit gesetzt. Statt ihren persönlichen Willen mit dem Willen Gottes zu verbinden, glaubten sie einen „Kuhhandel“ mit Gott abschließen zu können, indem sie auf der Grundlage ihrer unverdient, aber zustimmend angenommenen Erlösung das Recht auf Werkgerechtigkeit erworben zu haben vermeinten und wiederum Werke aus eigenem Willen, ohne Rückverbindung und -versicherung mit Gott tun zu können, mit anderen Worten: Sie glaubten sich aufgrund der ihnen vermittelten Gnade einer angenommenen Erlösung in den Stand versetzt, Gott dazu bewegen zu können, seinen Willen dem ihrigen anzugleichen, ja unterzuordnen – mit dem primären Ziel der eigenen Rangerhöhung vor anderen. Das ist nun der Punkt, wo Jesus mit seiner Begründung der Tatsache einsetzt, warum sie nicht in Gottes Reich gelangen können: Was sie dem geringsten seiner Brüder nicht getan haben, das haben sie ihm nicht getan. Derartige in Jesu Gleichnis angesprochene Religiöse haben in ihren eigentlichen Absichten weder Gott noch ihren Mitmenschen noch auch der Schöpfung gedient, sondern nur ihrem eigenen Willen, den sie nicht durch Gott in einen göttlichen verwandeln lassen, sondern an die Stelle Gottes setzen wollten. Sie haben auf Andersdenkende, die nicht ihrer Meinung waren, in Überheblichkeit und Hartherzigkeit herabgeschaut und sie zu den Verdammten gerechnet. Nicht etwa in Schmerz und Trauer haben sie um die Gesundung von verlorenen und irregeführten Menschen gerungen, sondern hochmütig auf sie herabgeschaut. Sie haben den Tod von tausenden Menschen akzeptiert, die sie für ungläubig hielten, haben Liebedienerei mit korrupten Politikern getrieben, und sie haben ihre Gesinnungsgenossen durch ein Wohlstandsevangelium und falsche Versprechen, wie beispielsweise eine „Vorentrückung“, irregeführt. Warnende, kritische Stimmen haben sie überhört und unterdrückt. Und das ist auch der Grund, warum sie nicht einfach, wie bloß mitlaufende Gemeindemitglieder, die durch die fünf törichten Jungfrauen versinnbildlicht werden, vom Reich Gottes vorläufig ausgeschlossen sind („ich kenne euch nicht“), sondern als „Übeltäter“ bezeichnet werden („weicht von mir, ihr Übeltäter, ich habe euch nie gekannt“), als geistige Übeltäter also, welche Gott zeit ihres Lebens wegen ihres unbeugsamen Starrsinns und selbstgerechter Hartherzigkeit als seine Auserwählten für sein Reich nicht anerkennen konnte. Demnach sind bevorzugt Religion und religiöser Dünkel, nicht etwa unermüdliche Suche nach Wahrheit und Weisheit, die größten Hindernisse auf unserem geistigen Weg.

