Die Teufelsspirale (invertiert), 1996, aquarellierter Buntfarbstift
Die Teufelsspirale (invertiert), 1996, aquarellierter Buntfarbstift

Warum die Hölle in der Liebe Gottes gründet

Böswillig wird in religiösen Gemeinden der sogenannte „Zorn Gottes“, der allein dem Schutz der Liebe vor Missbrauch dient, als Zeichen der Unbarmherzigkeit Gottes interpretiert. 

Seit Kaiser Konstantin wurden die Höllendrohungen der Bibel, die von jeher in erster Linie auf die weltlich Herrschenden und ihre Priester gemünzt waren, nämlich in deren brennendem narzisstischen Neid und vornehmlich spirituellem Hochmut, beinahe ausschließlich auf die Massen des einfachen, unterwürfigen Volkes übertragen, das dadurch besser zu beherrschen war.

Aus Himmel und Hölle wurde ein Entweder -Oder ohne jeden zugestandenen Zwischenraum einer Entwicklung und Läuterung. Ein solches Entweder-Oder für „alle Ewigkeit“ setzte sich, nachdem die Protestanten die Konstruktion eines Fegefeuers aufgegeben hatten, nach dem Wiedererwachen spiritueller Impulse in allen vorgeblich freien Gemeinden allgemein durch, mit katastrophalen psychologischen und spirituellen Folgen. Heute gibt es in der Öffentlichkeit vor allem nur zwei streng getrennte und einander ausschließende spirituelle Bewegungen: Die Esoterik mit ihrem Selbsterlösungsanspruch und Reinkarnationsglauben einerseits und andererseits das traurige Resultat, das nach jahrhundertelanger Unterdrückung der geistigen Freiheit aus dem urchristlichen Glauben wurde: Ein strengstes Gericht von Sklaven Gottes: Berufung zu ewigen Freuden des Himmels aus passiver Untätigkeit auf der einen und immerwährende Qualen der Hölle bei anderer Meinung auf der anderen Seite.    

Es gibt einen immer wieder zu hörenden Ausspruch moderner bekennender Christen: Gott sei zwar Liebe, aber er sei auch gerecht! Und sie meinen mit Gerechtigkeit die Hölle und das Gegenteil von Liebe. Haben sie recht? Sie hätten recht, wenn es eine Polarität oder gar eine Dualität zwischen Liebe und Gerechtigkeit gäbe, wenn also Liebe das Gegenteil von Gerechtigkeit wäre. Das ist aber keineswegs der Fall, denn dann wäre Gott in sich gespalten: Auf der einen Seite hochmütig-gnädige Herablassung, auf der anderen Seite strengstes, unbarmherziges Gesetz. In einer solchen irrationalen Dualität tritt für die Muslime Allah auf. Denn der Islam ist ein mahnender Fingerzeig Gottes auf das, was aus dem Katholizismus wurde – in seinem Gegenbild: Der Prototyp einer dogmatischen, alles lebendige Wachstum tötenden Religion. Mit der lebendigen Wirklichkeit hat beides wenig zu tun. In Wahrheit ist Gerechtigkeit ein regulierender Ausfluss der Liebe, ein Schutz des anstürmenden Widerstandes gegen sie. Ohne Gerechtigkeit wäre die Liebe schutzlos, ohne Liebe gäbe es keine Gerechtigkeit. Dieses Verhältnis zwischen Liebe und Gerechtigkeit wird in den Volksreligionen verkannt. Dort wird versucht, durch selbstgewählte Gerechtigkeit die Liebe Gottes sich zu verdienen. Und der Begriff der Hölle ist ihr immer gegenwärtiges Drohmittel.     

Es gibt aber in der Bibel zwei verschiedene Begriffe, die beide mit „Hölle“ übersetzt werden: Der untere Teil des Scheols oder griechisch Tartarus genannt, das unterste finstere Zwischenreich der Verstorbenen einerseits und die Gehenna bzw. der Feuersee der ruhelosen, brennenden Begierden in einem negativen Auferstehungsleib der Zukunft andererseits. Einen gewissen Ausblick auf den Tartaros kann in Nahtoderlebnissen erlangt werden. Das ist keine einfache Trennung von Gott, welcher Gott gleichgültig zuschaut und welcher überhaupt keinen Bezug mehr zu Gott hätte, wie vor allem moderne Evangelikale sich das vorstellen. Es ist ein Gericht. Gericht ist Ausdruck der Gerechtigkeit, Folge und Neuausrichtung, aber unter Ausschluss der Freiwilligkeit. Den Zustand des Tartarus hat niemand aus freiem Willen gewählt, denn der zuvor im irdischen Leben geprägte gottabgewandte Eigenwillen kann ihn nicht einfach willkürlich verlassen. Gewählt wurde nicht der Tartarus als der eigenen Hoffnung angemessenes Habitat des Eigenwillens, sondern die besonderen richtungsgebenden Bedingungen, die zu diesem Zustand geführt haben. Das wird von evangelikalen und freien Gemeinden oft genug verwässert und verharmlost. Der Tartarus ist die Folge des Wortes Gottes und enthüllt den prinzipiellen, ob offenen oder geheimen, Gotteshass, der einem lebenslangen Beharren in permanenter Gottlosigkeit zugrunde liegt, in seiner Wahrhaftigkeit. Der Gotteshass hat sich hier nach der Ablegung des physischen Leibes verselbstständigt, er ist in den Geistseelenleib des Verstorbenen imprägniert. Aber es erfolgt im Tartarus noch eine Interaktion mit anderen Gottes- und Menschenhassern und darüber hinaus mit den Dämonenengeln selbst, sodass unter deren Quälereien gegebenenfalls noch eine allmähliche Läuterung möglich ist, freilich im Extremfall über die Jahrtausende hinweg bis zum in der Offenbarung des Johannes prophezeiten „Gericht vor dem Weißen Thron“ am Ende des jetzt noch bevorstehenden großen messianischen Zeitalters, ein Gericht, das auch für die anderen vielfältigen Abteilungen des Hades gilt, denn in diesem Gericht wird über eine endgültige Trennung der Menschen in zwei große Schicksals-Abteilungen für weitere große Schöpfungszyklen entschieden. Wer bis dahin nicht im „Buch des Lebens“ steht, wird bei der dann erfolgenden allgemeinen Auferstehung in überphysischen, vergöttlichten Auferstehungsleibern einen negativen, widergöttlichen Auferstehungsleib erlangen und in die Gehenna „geworfen“. In diesem Zustand, der vor allem auch ein abschließender Gerichtsprozess über die Bosheit der Dämonenengel sein wird, und den noch niemand zuvor erlebt hat, an welchem aber auch bestimmte Menschen wegen ihrer unergründlichen, nicht allein durch Dämonen inspirierten und im Exzess betriebenen Bosheit teilnehmen werden, foltert jeder in seinem verkörperten und zum Selbstläufer gewordenen Gotteshass nur noch sich selbst, und zwar vor dem „Angesicht des Lammes“, also der göttlichen Liebe, gegen die er in jeder Faser seines Leibes anstürmt, um immer wieder ruhelos bei „Tag und Nacht“ seine Niederlage vor der Liebe zu erleiden. Der Zustand der Gehenna, in der die Verdammten gefangen und isoliert sein werden, wird infolgedessen auch zum Schutz der schon geheilten Schöpfung vor diesen Entitäten dienen, und folglich wird es die Gehenna letztlich allein aus göttlicher Gnade geben. Aber es gibt eine Auferstehung der Erstlinge schon bei der Wiederkehr Jesu, welche bald, in relativ kurzer Zeit, nachdem sich die Siegel- und Posaunengerichte der Offenbarung abgewickelt haben, erfolgen wird, und nach der die auferstandenen Erstlinge dann während der messianischen Zeit mit Jesus in Liebe über die Schöpfung regieren werden. Glückselig, wer an der ersten Auferstehung teilhat! Er oder sie wird für alle Zeiten vor dem zweiten Tod in der Gehenna bewahrt sein. Und ja: Es gibt eine letztendliche Apokatastasis (Wiederbringung aller Dinge zu Gott) spätestens in der Zeitewigkeit. Das ist keine einfache Allversöhnung, wie sie von Evangelikalen verspottet wird, sondern eine, nach Erkenntnis eigener Schuld freiwillige Unterordnung unter die Liebe Gottes, dessen Ziel es ist, Alles in Allen zu sein. Und er wird, da seine Liebe und sein Wille allumfassend sind, dieses ferne Ziel auf jeden Fall erreichen.

Wer an eine immerwährende Verdammnis glaubt, besonders, wenn er „Allversöhner“ verspottet und sie innerlich mit Groll als Ketzer zur ewigen Hölle verdammt, zeigt dadurch untrüglich an, dass in ihm ein grundsätzlicher Mangel an Vergebungsbereitschaft vorhanden ist, ein prinzipieller, hochmütiger innerer Groll, der ihn von spirituellem Wachstum und einer Liebesvollendung fernhält. Derart religiöse, hochmütige Menschen sind nur allzu bereit, ihren Bruder wegen Nebensächlichkeiten und religiösen Meinungsverschiedenheiten zu verdammen, während sie dagegen völkermordende Politiker in alle Himmel loben. Daneben gibt es Christen, die zwar an eine immerwährende Verdammnis aller Ungläubigen glauben, sich aber, im Gegensatz zu den Erstgenannten öffentlich eingestehen müssen, dass sie solch eine Verdammnis keinem Menschen wünschen. Dadurch aber stellen sie, ohne es recht zu begreifen, ihre eigene Liebe über die Liebe Gottes. Während also die erste Gruppe der Christen die allumfassende Liebe Gottes nur zum Schein heuchlerisch hochhalten, in Wahrheit aber in Gott ein Monster sehen, in dessen Bild sie sich mit Gott identifizieren, machen sich die letzteren eines grundsätzlichen Zweifels an der Liebe Gottes schuldig. Aber solange der Zweifel in ihnen wühlt, sind sie einer besseren Erkenntnis fähig.