Die theologische Lehre, dass Gott einige Menschen oder sogar den größten Teil der ganzen Menschheit zu immerwährenden Qualen verdamme oder sie darin allein lasse, spiegelt auf unübertroffene Weise die tiefe Sündenkrankheit der Menschen in ihrem Verhältnis zu Gott wider und lässt sich psychologisch allein nicht erklären, sie ist das dringlichste Symptom der spirituellen Pathologie und der Urgrund aller Verzweiflung und des Sadismus.
In der calvinistischen Theologie, die von einer Vorherbestimmung einiger Menschen zum ewigen Heil, der meisten aber zu einer immerwährenden Verdammnis ausgeht, wird zwischen einer einfachen und einer doppelten Prädestination unterschieden. Dabei bedeutet die einfache Prädestination, dass nur die Zahl der zum Heil geretteten Menschen vorherbestimmt sei, aber nicht die Zahl der Verdammten, während die doppelte Prädestination die Vorherbestimmung beider Fälle impliziert.
Die einfache Prädestination entspricht jedoch logisch betrachtet der doppelten, da bei der einfachen die Erwählung Einiger zugleich auch der Verdammung der Übrigen entspricht. Die Unterscheidung von doppelter und einfacher Prädestination ist von daher theologisch überflüssig, wie die Lehre selbst als ganze absurd und schädlich ist. Die einfache Prädestination würde sich von der doppelten nur dadurch unterscheiden, wenn bei der einfachen einige Menschen zum Heil vorherbestimmt wären und darüber hinaus noch andere, die nicht zum Heil vorherbestimmt waren, aufgrund ihrer freien Entscheidung für Gott zur Zahl der zum Heil Geretteten hinzukämen. Dann hätten aber die, die vorher erwählt wurden, keinen echten freien Willen, die anderen nicht zuvor Erwählten dagegen schon, indem sie aus freier Entscheidung zur Zahl der Erwählten hinzugekommen wären. Infolgedessen frage ich mich ernstlich, wieso von Calvinisten überhaupt eine Unterscheidung zwischen einfacher und doppelter Prädestination getroffen wurde. Allein der Versuch, einen solche Unterschied zu machen, weist auf ein verwirrtes Denken hin, das kaum durch mangelnde Intelligenz – bedenkt man Calvins scharfen Verstand in anderen Dingen –, aber auch psychologisch nicht ausreichend zu erklären ist. Ein starker dämonische Einfluss mag dabei im Spiel sein.
Nun ist bekannt, dass sowohl die katholische Kirche als auch die evangelikale Variante der Protestanten den Calvinismus durchaus ablehnen. Untersucht man aber ihre theologischen Voraussetzungen genauer, so zeigt sich, dass sie nur formal den Calvinisten widersprechen. Der ganze Evangelikalismus lässt sich an der Lehre einer immerwährenden Verdammnis einiger oder vieler Menschen durch Gott aufhängen, die in logischer Konsequenz letztlich auf den Calvinismus hinausläuft. Meine Argumente dazu sind die folgenden: Es wird in jeder monotheistischen Theologie davon ausgegangen, dass Gott allliebend, allwissend und allmächtig ist. Somit hat er die Geschicke aller Menschen und Wesen, wenn auch auf überzeitliche Weise, vorhergesehen. Indem er aber den Verlauf der ganzen Schöpfung vorhergesehen hat, hat er die Schöpfung und ihren Verlauf auch zugelassen und indem er sie zugelassen hat, hat er sie auch gewollt. Das impliziert logisch, dass er im Falle immerwährender Verdammnis einiger oder vieler Menschen auch diese gewollt habe. Im Sinne seiner Allmacht und vorsehenden Güte fielen also Vorhersehung und Vorherbestimmung völlig in eines zusammen. Das ist auch der Punkt, auf den Augustinus in seiner Prädestinationslehre hinwies, die er fälschlich auf Paulus zurückführte, während alle Kirchenväter vor ihm, wie es die katholische Kirche und die Evangelikalen heute noch tun, zwischen Vorhersehung und Vorherbestimmung unterscheiden. Die logische Inkonsequenz der letzteren ist es, die Augustinus nicht gelten lassen wollte und deren Entlarvung der Calvinismus mit aller Schärfe nur auf die Spitze getrieben hat. Calvin hat wider besseres Wissen auf etwas verwiesen, was schon vor Constantin im Schwange war: Dass die institutionalisierte Kirche unter ihrer Liebesheuchelei einen Monstergott, einen leibhaftigen Super-Satan verbirgt, der nicht willens oder mächtig genug ist, den Größten Teil der Menschheit vor dem immerwährenden Verderben und ewiger Höllenqual zu bewahren, oder in seiner allumfassenden Liebe zu schwach, die Menschen in freiem Willen von seiner Liebe zu überzeugen.
Interessanterweise wurde von der Machtkirche verschwiegen, dass ausgerechnet der eifernde Paulus, den man allgemein fälschlich für den eigentlichen Gründer der staatlichen Machtkirche hält, und den Augustinus und Calvin für ihre Prädestinationslehre vereinnahmen wollten, ein Vertreter der Apokatastasis, der „Allversöhnungslehre“ war, was letztlich auch richtig und logisch ist, da Gottes Wille sich aufgrund seiner Allmacht und Liebe letztlich immer erfüllt, ohne den freien Willen auszuschalten, wofür Paulus Gott auch über alle Maßen hinaus lobt. Viele sehen darin aber einen Widerspruch. Sie können nicht begreifen, dass Gottes Führungen wunderbar und für Menschen nicht fassbar sind.
Paulus wusste: Gott erschafft niemanden für den Untergang. Paulus lehrte eine andere Form der Vorherbestimmung als Augustinus oder Calvin. Paulus lehrte, dass wir uns durch unseren freien Willen allmählich auf den Untergang zubewegen können – und dass Gott uns dann für den Weg des Verderbens und des Gerichtes vorsieht, um die Wegverfehlung offenkundig zu machen. Es sind verschiedene mögliche Zeitlinien für uns vorgesehen: eine beste, eine schlechteste und etliche dazwischen. Jeder Mensch in dieser gefallenen Welt kann die beste seiner eigenen Zeitlinien wählen und die Aufgabe, für die er geboren wurde, vollständig erfüllen. Das ist unabhängig von einer überzeitlichen Vorhersehung Gottes. Wenn jedoch ein Prophet von Gott für eine besondere Mission berufen wird, so wird er von Gott selbst geleitet, damit er den göttlichen Willen erfüllen kann; denn der Wille der Seele dieses Propheten hat sich bereits vor seiner Geburt für den Willen Gottes entschieden und diesen bejaht. Darum ist er auserwählt, aber nicht zum persönlichen Heil, sondern zur Unterstützung des direkten Heilsweges für viele.
Die frühen Kirchenväter kannten noch die Auffassung des Paulus, hielten deren Verbreitung aber für schädlich fürs Volk, weil sie bei den Menschen Lauheit in Bezug auf ihre Lebensführung befürchteten. Die Evangelikalen aber sind in Wahrheit verschwiegene Calvinisten und glauben fest an eine immerwährende Verdammnis der meisten Menschen und die Unveränderbarkeit menschlicher Entscheidungen direkt nach dem Tod, weshalb sie sogenannte Allversöhnern für die größten todeswürdigen Geistesverbrecher halten und ihnen ihrerseits die immerwährende Verdammnis aus vermeintlich göttlicher Gerechtigkeit zubilligen. Unterstellen sie aber den „Allversöhnern“ zurecht eine Verführung zur Lauheit? Sie haben vergessen, dass gerade die von ihnen oft als Vorbilder hervorgehobenen Pietisten die „Allversöhnung“ vertraten und offenbar aufgrund dieser Tatsache keineswegs zu einer lauen Lebensführung geneigt waren, indem sie oft den strengsten Puritanismus vertraten. Der Grund war, dass sie, obwohl von der Wahrheit der Apokatastasis überzeugt, gerade des Liebesernstes gestaffelter strenger Gerichte eingedenk waren und sich bemühten, unter allen Erlösten am Ende einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Während das Pendel extremer Meinungen also bei vielen Evangelikalen aufseiten der billigen Gnade liegt, mit der Begründung, dass der gewaltige, angeblich unendlich Gott durch Werke jeglicher Art auf keine Weise zu befriedigen sei und daher nur ein Formalglaube unter Einhaltung der wichtigsten Gebote angezeigt sei, schlug das Pendel bei den meisten Pietisten in die entgegengesetzte Richtung um: Strengste Leistungswerke bei Verzicht auf jede Kreativität. Die pietistische Erziehung eines Herrmann Hesse hat diesen gerade in solcher Hinsicht besonders getroffen. Im Internat-Kloster Maulbronn war ihm jede dichterische Tätigkeit als teuflisch und weltlich verboten, sodass er sich gerade von den christlichen Kerngehalten des Glaubens, ihm unzureichend und missverständlich vermittelt, abwandte und sein Heil in Esoterik, Buddhismus und Gnostizismus suchte. Worin lag der Fehler bei den Pietisten? Nicht in der Allversöhnungslehre und nicht in einer daraus entspringenden Lauheit, sondern in der Verwechslung von Liebes- und Leistungswerken, deren Gefahr gerade dann am größten ist, wenn die hohen Liebesanforderungen in der Erkenntnis der allumfassenden Liebe Gottes durch selbstgewählte Leistungswerke erfüllt werden sollen. Die Apokatastasis-Lehre führt also, tief verinnerlicht, auf keinen Fall zur Lauheit oder Bosheit, sondern sollte zur Befreiung in der Liebe Gottes führen. Doch bei den meisten ihrer Bekenner bewirkte sie gerade das Gegenteil: Die Stagnation der geistig-schöpferischen Entwicklung – wie auch bei den Evangelikalen die Bevorzugung der Qualhöllen-Lehre dazu führte. Dieser Umstand zeigt, dass die äußere Erkenntnis der Liebe Gottes durch den Verstand allein letztlich eher zu größerem inneren Zwang als zu Nachlässigkeit in der Lebensführung führt, sofern diese Verstandeserkenntnis nicht von einem Ungläubigen zur Ausrede für laxe Lebensführung gebraucht wird. Derartige Ausreden gelten jedoch auch für den verborgenen Monstergott der Evangelikalen mit noch größerem Recht, denn hier wird eine Ablehnung dieses Gottes aus Gründen der aus Rechtschaffenheit evident. Diese Tatsache zeigt, in welche herzzerreißenden Ängste und Zwänge die menschliche Seele von Grund auf während dieses Erdenlebens eingebunden ist, sofern sie nicht die Liebe Gottes in ihrem Wesen und ihrer tatsächlichen Zuwendung einmal erfahren hat und durch sie geweckt wurde.

