Die Geistmonade des Menschen ist nach dem Bilde Gottes urgeschaffen und nicht aus wesensfremden Substanzen zusammengesetzt.
Prediger 12,7: „Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.“
Ähnliche Stellen finden sich in Hi 34,15; Ps 31,6; Ps 90,3.
Aus diesen Versen glauben Evangelikale, Adventisten, Zeugen Jehovas und protestantische Theologen seit Luther schließen zu dürfen, dass die Geistseele eine Symbiose aus einem unpersönlichen, von Gott gegebenen Geist und einem Materiekörper sei, dergestalt, dass der Mensch nach seinem Tod entweder in einen Zustand der Bewusstlosigkeit verfalle oder zu einem hilflosen Extrakt aus beiden Essenzen werde, das nach dem Tod zwar noch Bewusstsein habe, aber zu keiner weiteren geistigen Entwicklung mehr fähig sei.
Der „Geist“ wird in den angeführten Versen mit „Ruach“ wiedergegeben, was soviel wie Geisteshauch oder belebender Odem Gottes bedeutet. Offenbar ist das hebräische „Ruach“ nicht identisch mit dem griechischen „Pneuma“, das Jesus gebraucht, wenn er die Unsterblichkeit der Geistseele begründen will, indem er sagt: „Fürchtet nicht die, die den Leib (den biologischen Körper) töten, die Geistseele (griechisch Pneuma, hebräisch Neshama) aber nicht töten können.“ Denn die Geistseele (die den ganzen Geistseelenleib umfasst), ist nach dem Sterben unabhängig von dem physischen, sprich biologischen Leib, mit dem sie während des irdischen Lebens in Symbiose verbunden war, allerdings ist sie dann nicht unabhängig von der Prägung, die sie durch ihn und ihre Aktivitäten in ihm empfangen hat. Das ist der Grund, warum auch gleich nach dem Tod eine Art Gericht erfolgt: Die tiefe Prägung, das „Lebensbuch“, wird Gott übergeben, man kann es nicht einfach durch Auflösung oder Reinkarnation wieder wettmachen. Den Begriff eines „Seelenschlafs“, wie er in der modernen protestantischen Theologie entwickelt wurde, gibt es dagegen biblisch mitnichten. Die Geistseele ist mit ihrem ganzen Geistseelenleib bei Bewusstsein (siehe reicher Prasser und armer Lazarus im Scheol bzw. Paradies) und erfährt Leid oder Freude. Noch viel weniger gibt es je eine vollständige Bewusstlosigkeit oder gar „Seelenvernichtung“ im Sinne moderner protestantischer Theologen oder der Adventisten und Zeugen Jehovas. Eine „absolute Bewusstlosigkeit“, wie sie die Theologie solcher Sekten wie auch jede materialistische Pseudowissenschaft voraussetzt, ist tatsächlich auch im Tiefschlaf während des physischen Lebens nachweislich niemals vorhanden. Es handelt sich immer nur um einen verschobenen Bewusstseinszustand in Bezug auf das erinnerbare Erleben in Raum und Zeit. Wenn Jesus über seinen verstorbenen Freund Lazarus, den Bruder von Martha und Maria von Magdala, spricht: „Er schläft nur“, dann meinte er dies im Hinblick auf die Verbindung des physischen Leibes mit der in ihm aktiven Geistseele, welche Verbindung er wiederherstellte.
Im Folgenden führe ich eine gekürzte, auf biblischer Grundlage geführte Diskussion mit einem Anhänger der Ganztod- bzw. Seelenschlaflehre an:
„Meine Argumentationsgrundlage: Der Mensch ist eine Geist-Seele-Leib Einheit, die von Gott unmittelbar in den Ur-Lichtreichen erschaffen wurde; durch den Fall Luzifers wurde er aus seinem Gleichgewicht gebracht und muss – in Teile gegliedert – die Naturreiche jener materiellen Schöpfung durchschreiten, die eigens zu diesem Zweck ins Dasein gerufen wurde. Die Menschwerdung (Inkarnation) stellt die letzte Stufe dar und soll eine freie Entscheidung für Gott ermöglichen. Darauf spielt Paulus an, wenn er schreibt, dass die gesamte Schöpfung seufzt und in Geburtswehen liegt.
Somit sind wir alle – wie auch Adam als der erste geistbegabte Erdenmensch – in unserem Ursprung bereits in einem präexistenten Zustand von Gott erschaffen und geliebt worden. Wir bestehen nicht einfach aus einer maschinenartigen Fleischstruktur auf der einen und einem treibstoffartigen, formlosen Geist auf der anderen Seite; vielmehr wurden wir urerschaffen und durch das Durchschreiten der Naturreiche zu einer Ganzheit neu geformt. Als Gott Seinen Geist in Adam hauchte, flößte Er ihm nicht bloß Sein Wesen ein – wodurch die Seele entstanden wäre –, sondern Er belebte durch Seinen Geist jenen Geist, der bereits in Adams Geist-Seele als dessen Anknüpfungspunkt erschaffen worden war. Bedenke: Was ist Materie? Was ist Fleisch? Es ist eine Existenzform des von Gott erschaffenen Geistes, die in einen niedrigeren Zustand transformiert wurde – eine strukturelle, gleichsam „tote“ Form, in die wir inkarnieren müssen, um unsere Lebensaufgabe zu erfüllen: nämlich, uns in innigem Dialog mit Gott zu vereinen.“
Du sagst: „Der Adam verliehene Geist (Ruach) ist keine Person, sondern eine Fähigkeit“; Hiob 32,8 sagt: „… Doch ist es der Geist im Menschen, der Odem des Allmächtigen, der ihm Verständnis verleiht.“ Dem ist zuzustimmen.
Du sagst ferner: „Es gibt also keine Geist-Seele, wie du behauptest.“ Ich sage: „Es muss aber jemanden geben, dem der Geist Gottes verliehen wird. Der Geist, den Gott in Adam hauchte, machte ihn zu einer lebendigen Seele (Nephesh); mit anderen Worten: Er wurde für das natürliche Leben, das er mit den Tieren teilte, geweckt, zugleich aber auch für das Verständnis göttlicher Wahrheiten. Die Bibel bezeichnet auch die Seelen der Tiere als Nephesh; sie besitzen zwar ein Seelenleben, entbehren jedoch des Geistes Gottes, der eine persönliche Beziehung zu Ihm ermöglichen würde. Damit dies geschehen kann, muss der Geist Gottes auf einen empfänglichen, geschaffenen geistigen Kern treffen.“
Du sagst: „Fleisch ist keine Form Gottes; es ist der Stoff, aus dem wir gemacht sind. Wir sind physisch, nicht geistig; wir sind Fleisch, das einen Geist besitzt, aber dieser Geist ist keine Person.“
Ich sage: „Wenn der Odem Gottes allein und an sich keine Person ist, das Fleisch aber nichts weiter als materielle Substanz darstellt – wie kann dann eine Seele entstehen allein durch das Zusammenwirken einer unpersönlichen Kraft einerseits und einer toten Materie andererseits?“
Du sagst: „Es gibt keine Menschwerdung; wir existierten nicht vor unserer Geburt; das wäre eine falsche Vorstellung davon, wer wir sind und wie wir beschaffen sind.“
Ich sage: „Dies ist eine bloße Behauptung. Die Entwicklung im Mutterleib ist nichts anderes als ein Inkarnationsprozess – zunächst durch einen Prozess äußerer geistig-ätherischer Einwirkung und dann, nach der vollständigen Verbindung mit dem physischen Körper, auch durch eine körperliche und seelisch-geistige Entwicklung von innen heraus. Andernfalls wäre eine Abtreibung im frühen Stadium, insbesondere dann, wenn die Grundkörperformen bereits ausgebildet sind, zulässig. Doch der Heilige Geist Gottes untersagt Abtreibung ohne akute Gefährdung des Lebens der Mutter ausdrücklich.
Adam als erster Mensch wurde nicht auf die gewöhnliche Weise inkarniert; vielmehr wurde sein fleischlicher Leib direkt von Gott – unter Verwendung des aus der Erde aufsteigenden Äthers – sogleich als erwachsener Körper geformt. Nachdem seine Gestalt so gebildet war, wurde er durch den Geist Gottes aus dem schlafähnlichen Zustand, der während dieser Bildung stattfand, zum voll entwickelten Bewusstsein eines geistbegabten Erwachsenen erweckt.
Gäbe es keine Präexistenz, so könnte eine arme, sozial in jeder Hinsicht benachteiligte Seele sagen: „Mein Vater hat einfach nur gevögelt, meine Mutter war eine Hure, und Gott war aufgrund dieser Situation gezwungen, anschließend meine Seele ganz neu zu erschaffen. Es bliebe als einzige Alternative, dass Gott in ewiger Voraussicht die alleinige Verantwortung dafür trug, es Ewigkeiten vorausgeplant und mir all dies zugemutet hätte, indem er sich über meine Menschenwürde hinwegsetzte, ohne vor meiner Zeugung und Geburt mein Einverständnis zu berücksichtigen.“
Ein weiteres Argument gegen die Ersterschaffung der Geistseele während der Schwangerschaft oder Geburt und gegen die Ganztodtheorie ist das folgende: Wenn wir lediglich das Beiprodukt einer Zusammenfügung aus einem unpersönlichen Geistessprit und einer Fleischmasse wären, unfähig, nach unserem physischen Tod noch irgendein geordnetes Selbstbewusstsein zu haben, weil die Fleischmasse zur Erde und der Geisteshauch zu Gott zurückkehrten, während unsere Geistseele als zusammengesetztes Zwischenglied bis zur Auferstehung irgendwo in Gott aufbewahrt bliebe, dann bliebe uns auch der freie Wille während des Erdenlebens versagt, da dieser eine Erschaffung im Bilde Gottes, also eine in sich selbstständige Geistseele, voraussetzt.

