nächtliche Traumlandschaft, 2014, Ölpastell auf Pappe

Über die Parallelwelten des Schlafs

Die Traumwelten, die wir in den Nächten unseres Lebens durchschreiten, haben trotz aller Irrungen ihre eigene Bedeutsamkeit und Kontinuität und verweisen uns auf die beständige Gegenwart aller vergangenen Ereignisse.

Wir erinnern uns in Träumen nicht nur an das, was wir im Wachzustand erlebt haben, sondern auch an Dinge, die wir in den Träumen der vergangenen Nächte durchgemacht haben und an die wir uns im Wachen nie zuvor erinnerten.

Durch diese Erlebnisse, die sich in Traumfolgen sogar über Jahre fortsetzen können, werden im Schlaf die Korridore einer Parallelzeit ausgeformt. In den Erinnerungsträumen wird eine Tiefe in der Zeit eröffnet, die es zulässt, in kürzester physikalisch messbarer Zeit Tage, Wochen und sogar Jahre zu durchmessen, die uns im Wachzustand unbekannt sind. Sind bestimmte Korridore darin ausgeformt, so entstehen bildhafte Träume in unterschiedlicher Schärfe, Plastizität und Gegenwärtigkeit, welche ein Fokussieren zulassen, das in die gewöhnliche Parameterzeit der Physik zurückführt, sodass wir mit der letzteren relativ Schritt halten können. Ist ein gewisser Grad der Plastizität in den Bewusstseinsinhalten erreicht, so treten wir in eine REM-Phase (Rapid Eye Movement-Phase) des Schlafes ein. In solchen Phasen ist die Muskulatur erschlafft, was das Umhergehen im Traum verhindert. Wir dürfen aber nicht annehmen, dass zwischen plastischem Träumen und erschlaffter Muskulatur eine teleologische Beziehung im Sinne einer durch Zwecke begründeten Kausalität bestünde, dass also die Muskulatur deshalb erschlaffe, damit wir nicht im Schlaf umhergehen und uns schaden. Die Erschlaffung der Muskulatur ist mit dem plastischen Traumschlaf deshalb verbunden, weil die psychischen Funktionen sich derart in die unserem Organismus imprägnierten Erinnerungen als Quelle unserer geistigen Aktivität zurückgezogen haben, dass wir gänzlich damit beschäftigt sind, Nervenimpulse gegen die Netzhaut und andere Projektionsflächen der Sinnesorgane zu projizieren und dadurch eine virtuelle Welt zu erschaffen. Eine größere Muskelanspannung, die zur abrupten Bewegung eines Körpergliedes führen würde, würde den Schläfer dabei sofort erwachen lassen und den Prozess des Träumens beenden, so dass das bildhafte Träumen überhaupt nur im muskelentspannten Zustand möglich ist. Im Tiefschlaf dagegen kann von einer relativen Lockerung des Geistseelenleibes vom biologischen Leib ausgegangen werden. Der biologische Leib führt in diesem Zustand ein quasi-automatisches Eigenleben, bedarf keiner erschlafften Muskulatur, ist aber in der Regel auf primäre muskuläre Funktionen, vor allem im Hinblick auf einen Druck-schonenden Lagewechsel beschränkt. Lediglich bei einer irregulären Verschiebung zwischen dem Geistseelenleib und dem biologischen Körper während des Tiefschlafs kann es zum Schlafwandeln kommen. Der biologische Leib handelt dann in lockerer Verbindung zum Geistseelenleib, einem Androiden vergleichbar, der auf schwache Außenreize hin eine Reihe vorprogrammierter Handlungsabläufe abspult.
Jede Nacht tauchen wir in einen atmosphärischen Raum geistiger Erinnerungen ein, ein vorbereitetes Bewusstseinsfeld umfängt uns, kein zufälliges „Neuronen-Gewitter“, wie mancher Neurowissenschaftler sich dies vorstellt. Die Geschwindigkeit des Fokuswechsels lässt zunächst nur blasse Empfindungen zurück, die schnell verklingen und kaum Engramme im neurologischen Gewebe zurücklassen. Dort erscheinen Landschaften, Städte, Wohnungen, die wir so noch nie gesehen haben. Ganze Parallelwelten entstehen dort im Laufe vieler Jahre, und in jedem Traum in jeder Nacht arbeiten wir weiter daran, anknüpfend an das Traumgeschehen vergangener Nächte. Innerhalb der Atmosphäre thematischer Träume sind viele Wege möglich.