Windgeister, Buntfarbstiftzeichnung auf Zeichenpappe, 1997

Über das Ich des Menschen

Das Ich des Menschen spiegelt das Leben des ganzen Kosmos und nimmt an ihm teil.

Was ist der Mensch? Sein physischer Körper, seine Gestalt, sein Verhalten – oder sein Ich?

Als äußere Personen können wir die Menschen zählen und ihre Zahl benennen, aber trifft das auch auf deren Ich zu? Das Ich hat eine völlig andere Qualität als räumliche, im Raum angesiedelte Objekte sie haben. Es ist gewissermaßen das Zentrum einer ganzen Vorstellungswelt, die eben durch dieses Zentrum für sich beansprucht, die einzig wahre Welt zu sein. Scheinbar finden wir uns als Ich von allen andere möglichen „Ichs“ abgetrennt, aber zugleich gehören all diese Ichs als seelisch-geistig-leibliche Personen der einen Welt an, als deren Zentrum wir uns selbst erleben. Das scheint ein innerer Widerspruch zu sein. Ein weiterer Widerspruch liegt darin, dass diese einzige Welt allen im Bewusstsein des Ichs zu liegen scheint, als das wir und selbst erleben, das sich aber die Inhalte dieser Welt uns erst nach und nach enthüllen und wir eigentlich sehr wenig über sie wissen, obwohl doch alles, was in ihr geschieht, sich doch nur in unserem Bewusstsein abzuspielen scheint, und noch erstaunlicher ist, dass wir ganz neue Informationen aus ihr gewinnen können, die offenbar zuvor noch nicht in unserem Bewusstsein vorhanden waren und die wir dennoch wiederum begreifen und verstehen können, als wären wir von vorn herein mit ihnen vertraut. Weiterhin erinnern wir uns sofort an Dinge, die wir wiedersehen, und bestätigen durch dieses Wiedererkennen die Berechtigung ihres Auftretens, obwohl – im Unterschied zu unseren Träumen – keine Assoziation unseres Bewusstseins uns zuvor dorthin geführt hat. Diese Form des Wiedererkennens bestätigt uns das Vorhandensein einer objektiven Außenwelt, die unabhängig von unseren Ich ist. Unser Ich ist also offenbar keine bloße Gesamtheit und Zusammenfassung eines Bewusstseinsfeldes, das eine bestimmte Welt präsentiert. Die Welt als Inhalt eines Bewusstseinsfeldes ist unabhängig vom Ich, welches sie wahrnimmt, verarbeitet und in ihr lebt. Das Ich ist nicht auf eine bestimmte Welt als Inhalt eines Bewusstseinsinhaltes angewiesen. Was aber ist dann das Ich?

Das Ich ist offenbar weit weniger ein Etwas und etwas Bestimmtes als vielmehr das koordinierende Wesen eines übergeordneten Zusammenhangs, welches sich als Gegenstand der Anschauung entzieht, nicht eigentlich als solches angeblickt, sondern nur durch Gleichnisse ersehen werden oder als Du angesprochen werden kann. Das in seiner Bedeutung erfasste Gleichnis ist in diesem Fall nur das Organ, durch das die Wahrnehmung des Ichs als Ich erfolgen kann, nicht aber schon der eigentliche Gegenstand der Anschauung selbst. Was Ich meint, hat einen Sinn, der auf dem Wege der bloßen Objekt-Anschauung nicht gewonnen werden kann, andererseits aber auch nicht durch das abstrakte Denken, das immer schon die Anschauung voraussetzt und deren untergeordneter Diener es eigentlich ist. Denn ohne seine Berufung auf Anschauliches würde das abstrakte Denken in Bedeutungslosigkeit versinken. Es hätte keine eigene Kraft, träte nicht etwas Weiteres hinzu. Dieses Weitere, das bei dem abstrakten Denken hinzutritt, ist dasjenige, was demselben, wenn es sich von jeder Zurückführung auf Vorstellungsinhalte losgelöst hat, den Inhalt geben muss. Die Idee einer Zahl etwa hat so lange praktisch-funktionale Bedeutung, als sie sich auf anschauliche Gegenstände beruft, deren Additionsverhältnis durch diese Zahl gekennzeichnet wird. Selbst wenn die Zahl als eine entsprechende Summe unanschaulicher Einheiten ins Bewusstsein gerufen wird, hat sie, eben durch diese sich jeweils selbst seienden Einheiten eine schemenhafte anschauliche Vorstellungsgrundlage. Hat sich die Zahlenidee aber auch von dieser Art der Vorstellung losgelöst und wird sie nicht mehr nur funktionell zur besseren Durchdringung und Nutzbarmachung von an sich funktionslosen, bloß gegebenen und nicht über sich hinausweisenden Inhalten angesehen, so beginnt die Idee der Zahl ein eigenes, selbstständiges Leben zu führen. In der Tat wird dann die Zahl zu einem Eigenwesen und gewinnt ein dynamisches Leben, welches sich die einzelnen Zahlenelemente unterordnet.
So stellt sich das Ich als ein unverzichtbarer Knotenpunkt in einem weitverzweigten Netz unverzichtbarer Knotenpunkte dar, in dem alles mit jedem und jeder mit allen zusammenhängt. Wenn ich hier von Knotenpunkt spreche, dann meine ich keinen ausdehnungslosen mathematischen Punkt, als welchen René Descartes das Ich auffasste. Das Ich ist weder ein mathematischer Punkt im Raum noch allein durch eine lokalisierbare Ausdehnung in einem bestimmten Raum definiert. Zwar hat jedes Ich unabdingbar auch einen Leib und ein Bewusstsein seiner leiblichen Ausdehnung, aber es ist gerade in dem Gewahr-Werden seiner Leiblichkeit weitaus mehr als nur ein auf einen bestimmten Körper und einen bestimmten Raum begrenzter Leib. Der Leib in seiner Gestalt ist nur ein mehr oder weniger vollkommener Wesensausdruck des Ichs in und für die Welt und für einen bestimmten Weltzusammenhang, umfasst aber, ausgehend von seinem Kerngehalt, sowohl im Hinausstreben seiner Sinne als auch in seiner geistigen Resonanz das ganze Universum. Da nun aber unser Universum eine Innenseite so gut wie eine Außenseite hat, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass jedes Ich-Bin vollkommen gleichberechtigt mit jedem anderen und unabdingbar für die Existenz des ganzen Universums ist. Somit ist es als ein bestimmtes Ich-Bin gleichzeitig mit der ganzen Schöpfung hervorgegangen, indem es als ein unverzichtbares Glied der Schöpfung seinen Ursprung in Gott als dem eigentlichen Ich-Bin hat.