Wandelnde Bäume, 2004, Ölpastell auf Zeichenpappe

Über die phänomenologische Methode

Wer ein Phänomen verstehen will, muss sich von ihm führen lassen.

Die abstrakte Begrifflichkeit, formalisiert in Logik und Mathematik, kann überaus hilfreich sein, wenn es darum geht, Phänomene richtig zu beurteilen und einzuordnen, …

… aber auch nur dann, wenn diese Phänomene zuvor gründlich beobachtet, erforscht und durchdacht worden sind. Das empathische Sich-Hineinversetzen wie auch gleichermaßen die anschauliche Intuition spielen hier eine vornehmliche Rolle.
Bevor man allgemeingültige und schlussfolgernde Aussagen über ein Phänomen macht, ist es erforderlich, sich vom Phänomen selbst führen zu lassen, und zwar bis in seine tiefsten Geheimnisse, die im Urphänomen beheimatet sind. Sowohl psychologische als auch geistige und physische Phänomene lassen sich dadurch erfassen. Der menschliche Intellekt neigt jedoch dazu, aus einigen wenigen empirisch oder intuitiv erfassten Teilerkenntnissen, indem er diese absolut setzt, übereilte Schlussfolgerungen zu ziehen und oft zu haarsträubenden Fehleinschätzungen zu gelangen, die ganz zurecht als ideologisch angesehen werden müssen. Dazu gehört die – in katholischen Kreisen auch heute oft noch vertretene – cartesianische Gleichsetzung von Bewusstsein mit Ichbewusstsein, die nichtmenschlichen Wesen ein Seelenleben abstreitet und zu den übelsten Konsequenzen wirtschaftlicher Ausbeutung der Naturreiche geführt hat. Gewisse hoch angesehene, sich christlich-katholisch nennende Philosophen scheinen mit derartigen Theorien noch heute ihren täglichen Fleischkonsum rechtfertigen zu wollen. Eine weitere kognitive Fehlleistung besteht in der Behauptung, ein klinisch toter Mensch mit Nulllinien-EEG, der aber noch Atmung und Kreislauftätigkeit besitzt, sei völlig bewusstlos und ohne Empfindung und könne es nicht miterleben, wenn man etwa seine Organe entnimmt. Ansichten wie diese, die zu schwerwiegenden moralischen Implikationen führen, können jedoch durch eine gründliche Beobachtung leicht widerlegt werden und bestätigen das intuitive Wissen moralischer Sensitivität, über die schon das Kleinkind verfügt.
Schlimmer noch und der Gipfelpunkt moralischer Korruption sind jedoch auf Wunsch der Eltern oder eines Elternteils, unter „sozialer Indikation“ und unter sozialem Druck oder oberflächlicher medizinischer Indikation vorgenommene Abtreibungen und ihre Billigung. Derartiges kann nur unter der falschen Voraussetzung gerechtfertigt werden, dass der Embryo vor der Geburt noch kein voller Mensch, sondern ein werdender sei, gemäß welcher Logik man jedes unmündige Kind straflos ermorden dürfte. Die in diesen Beispielen aufgeführte geistig-moralische Korruption sollte uns eines lehren: Nicht jeder Gottlose oder mit dem Geist dieses Weltzeitalters sympathisierender Namenschrist ist zwangsläufig böse gesinnt. Aber er gelangt durch Bequemlichkeit, Nachlässigkeit und Rechtfertigung seiner Gewohnheiten zu einer Ideologie, die den bewussten Übeltätern eine Rechtfertigung für ihre Taten geben.
Phänomene müssen intuitiv (anschaulich-empathisch, nach innen und außen) erfasst, als solche erkannt, gründlich durchdacht und auf ihren moralischen Gehalt überprüft sein, will man aus ihnen weiterführende Erkenntnisse gewinnen. Dies gilt nicht nur für den sozialen, sondern ebenso für den naturwissenschaftlichen Bereich. Erst dann sollten formalisierende Verfahren Anwendung finden, was vor allem im Bereich logischen Schlussfolgerns in Betracht kommen. Statistische Verfahren sind auf dem Gebiet der Naturwissenschaft in Grenzen berechtigt, sofern die Grundannahmen nicht voreilig getroffen sind, aber vor allem im Bereich der Humanwissenschaften äußerst kritisch zu betrachten, da es sich bei Menschen um Personen und nicht um Zahlen handelt. Insbesondere dort, wo Statistiken mit einer Unmenge unkontrollierter Variablen auftreten, die schlecht zusammengeschustert sind, ist keinerlei Glaubwürdigkeit angebracht. Ein Computer oder Android verfügt als künstlich zusammengefügte Einheit von Modulen über keinerlei Bewusstsein, welches die Voraussetzung jeder Erkenntnis ist, und wird ein solches auch niemals erringen. Er kann nur das nach vorgegebenem Schema kombinieren, was in ihn eingegeben wurde. Ein Urteil wird er nicht abgeben können.