Quallenstrand, 2004, Ölpastell auf Zeichenpappe

Über das Verhältnis des Diskreten und Kontinuierlichen in der Natur

Die Anschauungsformen Raum und Zeit bestehen in kontinuierlichen Dimensionen, während alles, was sich in ihnen befindet und ereignet nur diskret zu erfassen ist.

Die materielle Welt wird naturwissenschaftlich als diskret und in Partikel unterteilt ausgewiesen, und das ist nur logisch, da das Materielle sinnvoll strukturiert ist und sich nicht infinitesimal in unendlich viele Einheiten unterteilen lässt.

Letzteres ist nur in der mathematischen Theorie möglich. Wie gelangen wir nun aber zu solch einer mathematischen Theorie? Offenbar doch dadurch, dass wir glauben, das Kontinuierliche auf dem Wege der Analyse diskreter Elementarteilchen begründen zu können. Manche Philosophen halten in der Tat das unendlich kleine Teilchen für eine verborgene Realität, eine nur imaginär erfassbare zwar, aber möglicherweise eine im Geist Gottes gründende Wirklichkeit, die den natürlichen Gegebenheiten auf eine verborgene Weise zugrunde liege. Auf diese Weise glauben sie sogar, das Dasein Gottes mathematisch beweisen zu können. Aber es bleibt bei dem verzweifelten Versuch. Ihr übereilt vollzogener Trugschluss beruhte darauf, dass sie ein menschliches Ideengebilde für eine im Geist Gottes verankerte Realität halten und in die materielle Wirklichkeit projizierten, als handle es sich um einen göttlichen Schöpfungsakt, unter Beibehaltung des Konstrukts „Materie“, welche dann sogar als eine Sonderschöpfung Gottes ausgegeben wird, welche aus der Imagination Gottes direkt in die anschauliche Realität übertragen wird. Dies mag als Musterbeispiel dafür gelten, wie sehr sich der menschliche Intellekt verrennen kann, wenn er nicht beim Phänomen bleibt, sondern unterschiedliche Phänomene und Denkmethoden miteinander vermischt. Was wir empirisch auf sämtlichen Ebenen sinnlicher Wahrnehmung – verfeinert durch subtile Instrumente – feststellen können, ist ein hierarchischer Aufbau der Natur nach partikulären Einheiten. Diese nach physikalischen Methoden erfassbaren Partikel verkörpern jedoch nicht den Urstand des Seienden und sind keineswegs einfach und primitiv, sondern hoch komplex organisiert. Setzen wir also die Methode infinitesimaler Analyse auf empirischem Wege fort, werden wir nie zu einem „unendlich kleinen Elementarteilchen“ gelangen, was ein begriffliches Unding ist, sondern mit Sicherheit an eine naturgegebene Grenze kommen, auch dann, wenn theoretisch noch kleinere Einheiten denkbar wären.
Dasselbe gilt jedoch nicht umgekehrt für den Versuch, den Fluss der Zeit in kleinste Einheiten zu unterteilen und Zeitatome zu finden. Die Entdeckung letzter, unteilbarer Zeitatome ist schon deshalb nicht möglich, weil die Zeit – nicht anders als der entleerte Raum – kontinuierlich, aber im Gegensatz zu letzterem, im Hinblick auf eine inhaltliche Erfüllung, gerichtet, eben zeitlich gerichtet ist. Dass die Gerichtetheit der Zeit keineswegs dem ewigen Urstand der aller Schöpfung zugrundeliegender Zeitfreiheit entspricht, wie wir in Zuständen meditativer Betrachtung erfahren können, sollten wir eingedenk sein, wie auch der Tatsache, dass wir dieser innerhalb unseres materiellen Universums nicht entgehen können. Der „Grundäther“ aller möglichen Räume ist kontinuierlich, nicht diskret, wie sich auch kein isoliertes letztes Zeit-Atom erdenken lässt, da auch ein solches kontinuierlich fortschreitende Zeitabschnitte enthält. Dennoch erleben wir Zeit nur in diskreten Rhythmen, wie wir auch jede Form bildhafter Anschauung nur in diskreter Gliederung erleben können.